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Die Altmark sagt Adieu.

André Greiner Pol ist tot                                  (Artikel-PDF-hier)

Von Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke

Der Sänger und Gründer der legendären Band FREYGANG starb am 15. Dezember in Berlin.

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„Hier riechts nach Stall. Hier wirkt vieles noch natürlich.“ So André Greiner-Pol nach einem Konzert in Wannefeld 1993. Die Altmark sei seine „zweite Heimat“ so der Bluesrocker vom Prenzlauer Berg. Da lagen schon einige Jahre regen Altmärker Konzertlebens hinter seiner Band Freygang. Von Zienau, Sachau und Tangerhütte im Süden über Bismark, Packebusch, Kalbe und Osterburg bis nach Beetzendorf, Salzwedel, Mechau und Arendsee im Norden der Altmark – auf Open Airs, in Klubs und auf Privatfeiern lernte die Band um André Greiner-Pol (AGP) die Altmark kennen und lieben. Die Fans dankten es mit ehrlicher Hingabe und fester Treue – über Jahrzehnte. So pilgern  seit Jahren schon Familien in zwei Generationen zu Konzerten.

Freiheit passt in keine Schublade

Angefangen hatte es 1977 in Berlin. Nach vergeblichen Versuchen sich in andere Bands einzuklinken, gründet Greiner-Pol schließlich seine eigene Combo: Freygang. Es folgten verschiedene Besetzungen und Auftritte mit Blues, Rock und Jazz in Gasthöfen und Jugendclubs. Zu DDR-Zeiten wechselten sich dann enorm erfolgreiche  Konzerte und Auftrittsverbote ab. Höhepunkt war wohl das legendäre Open Air in Ketzin vor über 7000 Fans 1983.

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Bands aus der Altmark wie „Nachdurscht“, „Bordstein“, „Die Abgeordneten“, Gemeinschaft“ oder „Aktion Steinreich“  sahen auf zum Freibeuter aus Berlin und spielten  gern und oft mit Freygang zusammen. Und auch Menschen, die es nicht so oft auf Live-Konzerte der schafften, ließen sich leiten von der Freiheit Freygangs, die man sich nehmen muss. Roland Bosse, Vater von Freygang-Gitarrist Brian und selbst Gitarrist bei den Altmärkern „Old&Grey“  meint dazu: „Ich habe André und Gerry zum ersten Mal bei Pasch im Exlibris in Magdeburg im Januar 1988 erlebt. Dieses rotzige, trotzige und unangepasste Auftreten, seine Ausstrahlung waren immer das, was mich fasziniert hat, wahrscheinlich habe ich ihn auch damals schon bewundert und auch ein wenig beneidet für seine kompromisslose Haltung ohne Rücksicht auf die persönlichen Folgen. Dieser André Greiner Pol stach zu Zonenzeiten und auch danach unter Rockmusikern immer heraus. Wenn sich einer hat nie verbiegen und verführen lassen, dann ist er es“.

Familienmensch Greiner-Pol

War Greiner-Pol Identifikationsfigur für die große Fangemeinde, so war Freygang auch im kleineren Rahmen für die große `Familie` da: Ob zur Verlobung von Frauke und Ameise 1992 in Calvörde, zu diversen Geburtstagen von Freunden in Schinne und Schernikau oder zur Hochzeit von Mieste und Anja Hotopp 2005 in Packebusch, Freygang kam mit Käptn AGP.

In seinem kleinsten Kreis hinterlässt André Greiner-Pol seine Freundin und Freygang-Managerin Delia Müller und Tochter Cayen.

In der Zeit vor der Wende führte die enge Bindung zu den Fans mitunter zu Vorfällen, bei der die Stasi ins Spiel kam. So 1988 als Torsten Grass (Oebisfelde), Tino `Papa` Heinrichs und Steffen ´Mieste` Riecke(beide aus Mieste) ihren Geburtstag gemeinsam mit ´ihrer´ Band Freygang feiern wollten. Nachdem Versuche die Party offiziell in Letzlingen, Osterburg, Stendal oder Mieste anzumelden, scheiterten, Getränke, Essen und Technik aber bereits bestellt waren, feierte man im Pfarrgarten der Evangelischen Kirche. Doch längst nicht alle Gäste erreichten ihr Ziel. In Schwerin, Stendal und Leipzig wurde nach Personenkontrollen Party-Verdächtige mit Reiseziel Mieste von der Transportpolizei festgenommen und zur Umkehr gezwungen. Betriebskampfgruppen aus Letzlingen lagen an der Bahnstrecke zwischen Solpke und Mieste, Hubschrauber der Grenztruppen kreisten über dem hermetisch durch Polizei abgeriegelten Dorf in der Sommerhitze. Wer doch sein Ziel erreichte, dem wurde der Ausweis abgenommen. Dies alles nur weil unangepasste Leute sich zu Bier und Musik treffen wollten. Begründung der drastischen Maßnahmen: Es würde ein geplanter gemeinsamer Grenzübertritt – Republiksflucht – erwartet. Letzte Zuckungen einer paranoiden Staatsmacht.

Die große Freygang-Familie feierte nicht von ungefähr ihren 30. Geburtstag in der Altmark. Im letzten Jahr organisierten die treuesten Fans das Jubiläumskonzert in Packebusch, Schwein am Spieß inklusive.

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© ferfi

Politaktivist und Kapitän

Ein politischer Unruhestifter und widerständiger Kapitän einer unangepassten Band blieb Greiner-Pol auch während und nach der Wende. Und  immer dort wo es besonders heikel war, wo Rockerdaumen in gesellschaftliche Wunden gehörten.

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Das Freygang-Logo mit der herausgebrochenen Ecke (l.) diente für Freygang-Fans 1989 als Vorbild für selbst gefertigte Neue-Forum-Logos. Rechts ein selbst gemachter Fotoleinen-Aufnäher der Band (Made by Ferfi) in der Besetzung vor dem zweiten Verbot, das im Jahr 1986 ausgesprochen wurde.

Schon in der DDR galten die Blueser, Tramps und Kunden neben den späteren Punks als der westlichen Dekadenz zugewandte `feindlich negative Kräfte`. Dabei waren die Blueser alles andere als politisch, eher offensiv apolitisch. Man interessierte sich für die nächsten Gigs, für Bier, Schnaps und Sex. Doch entsprach dies nicht dem Idealbild der offiziellen DDR-Jugendpolitik. Was für die Blues-Szene galt, galt auch für die Musiker. Greiner-Pol sagte dazu: „Wir sind erst von anderen und den Behörden darauf hingewiesen worden, dass wir eine politische Band sind“. Trotzdem engagierten sich Greiner-Pol als auch etliche Fans  zur Wendezeit in diversen Bürgerinitiativen. Mit Musikern von Ichfunktion, der Firma und Noah gab es Straßenblockaden und AGP stellte sich für die Wydoks zur Wahl in Berlin. Die Wydok-Liste wollte durch Eigeninitiative kulturelle Freiräume und das Wir-Gefühl aus der anarchischen Wendezeit in die steifere Gesamtdeutschheit retten. Durch die Aktionen aus dieser Zeit ist Greiner-Pol auch im Deutschen Historischen Museum Berlin in der Ausstellung „Parteidiktatur und Alltag in der DDR“ verewigt, nicht zu seiner Freude.

Stilistisch blieb Greiner-Pol immer eigen, schon zu Beginn war Freygang keine Bluesband wie andere. Freygang hat immer schon Elemente von Rock und Punk, vom Balkan bis Irland aufgenommen und verarbeitet. Bei vielen Umbesetzungen in den turbulenten 90er Jahren blieb Käpitän Greiner-Pol auf der Brücke Navigator durch alle musikalischen Wasser. Seit 1997 spielte seine Band – verstärkt durch frisches Blut – nun in konstanter Besetzung. Der Altmärker Gitarrist Brian Bosse und der sächsische Trommler Maik Smolle erschienen an Deck von Freygang.  Diese treibende Geradlinigkeit bei personeller Kontinuität verschaffte der Band immer neue Höhepunkte: Legendär die Rock-Kreuzfahrten zwischen Polen und Dänemark, Konzerte in Schottland und Polen, Kinofilme und DVDs folgten. Im Oktober lief der Krimi „Bluesgewehr“  aus der Reihe „Der Ermittler“ mit dem Freygang-Song „Der Blues muss bewaffnet sein“.

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Abschied und Wiedersehen

Ob des unerwarteten Todes konnte das vorweihnachtliche Konzert in Tanna bei  Zeitz am vierten Adventswochenende nicht mehr abgesagt werden, eine musikalische wie moralische Herausforderung für die Besatzung des Piratenschiffes Freygang: Egon Kenner (Gitarre), Tatjana Besson (Bass/Flöte), Maik Smolle (Drums) und Brian Bosse aus Mieste (Gitarre). Doch Brian ist nicht der einzige Altmärker der den Weg vom Fan bis zum Bandmitglied zurücklegte. Fester Bestandteil der Performance ist auch Ralf-Uwe `Ameise` Faatz. Meist spät am Abend entert der gebürtige Oebisfelder die Bühne und rockt auf seine eigene Art unter Einsatz seiner Mundharmonika. Auch Bandbus-Fahrer und Fan-Artikel-Verkäufer Torsten Grass nahm den Weg vom Oebisfelder Freygang-Fan nach Berlin zur Freygang-Familie. Ein sehr emotionales und professionelles Konzert bekamen die aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen geströmten Fans da im „Kuhstall Tanna“ geboten. Trauernde und feiernde Herzen vereint im Tanz. Auch Tangerhütter, Stendaler und Wolmirstedter  waren vertreten.

Die Beisetzung von André Greiner-Pol fand auf dem Berliner Parochial-Friedhof statt. Organisiert von Delia, seiner Lebensgefährtin, und der Band, durften auch die Freunde des Kapitäns  die letzte Ehre erweisen. Gekommen waren fast 500 Menschen aus ganz Deutschland. Die Familie, Fans aus allen Bundesländern, ehemalige Weggefährten und Bandkollegen. Neben Rockern aus Brunau-Packebusch standen Musiker von Rammstein, Kirsche & Co. und In Extremo, neben Miester, Oebisfelder und Stendaler Fans die Bandkollegen von Freygang, Ichfunktion und der Firma. So hatte dieser Abschied auch etwas von Wiedersehen.

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Um der Trauer ein Podium zu geben, hat die Band ein Gästebuch auf ihrer Homepage eingerichtet. Hunderte Freunde und Fans melden sich dort zu Wort. Ein Motiv kehrt dort immer wieder – angelehnt an den Titel einer Freygang-CD „Die Kinder spielen weiter“ – die Band möge die Kraft finden weiter zu machen. Ob und wie dies aussehen könnte, kann die kleiner gewordene Familie nur selbst entscheiden. Im Internetauftritt der Band heißt es: „André ist zu finden, in unserem Herzen, in unserer Trommel, in unseren Stimmen, in unseren leisen, lauten sechs- und viersaitigen Gitarren.
In Delia, in Cayen, in Freygang und in unserem Publikum …“

Zunächst gilt es mit Trauer und Zuversicht das Abschiedskonzert in der Berliner Kulturbrauerei zu meistern: Am 16. Januar 2009 spielt Freygang ohne ihren Kapitän dort mit Engerling, Dritte Wahl und vielen anderen Musikern, die mit André Greiner-Pol je auf der Bühne standen… Viele Altmärker werden dabei sein.

Am Jahresende erscheint beim Buschfunk-Label die Doppel-CD vom diesjährigen Hohenlobbese-Festival, das Freygang seit 16 Jahren selbst organisiert.

Foto 1 Die Konzerte in der Rockscheune Schernikau nahmen mit Freygang ihren Anfang. Ulf Müller (Kassuhn), Frank „Olli“ Ollendorf (Schernikau), Ronald „Fischi“ Fischer (Sanne), Dirk „Murkel“ Müller (Kassuhn) und seine Frau Kirstin waren von Beginn an dabei.

Foto 2 Mippel (Mieste), Otti (Magedeburg/Salzwedel), Gardine (Calvörde) kamen zur Beisetzung auf den Parochial-Friedhof in Berlin Mitte.

Foto 3 Hilmar Vogt (Chemielehrer Gymn. Tangermünde), Thomas “Bombe” Kleiszmantatis (Stendal), Lutz “Alwin” Thiede (Offener Kanal Stendal) waren beim letzten regulären Freygang-Konzert in Tanna/Thüringen dabei – ohne Steuermann André Greiner-Pol.

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http://www.freygangband.de/  und   http://www.myspace.com/freygangband

In Auszügen erschienen in “Magdeburger Volksstimme”, 31.12.2008, adieu-grauer-wolf

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Ahoi Käptn Flint.

Abschiedskonzert Berlin 16.1.2009

Das Konzert zum Abschied von André Greiner-Pol im Kesselhaus der Kulturbrauerei Berlin am 16.Januar 2009. Mit Freygang, Engerling, Crashing Caspars, Herbst in Peking, 3. Wahl und weiteren Gästen. Historisch. Auf einer Bühne: Der schöne Micha von TonStein/Nr. 13 / In Extremo und Kai Lutter, Gerry Franke…

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mehr Fotos unter myspace.com

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Artour-Sendung zum Tode André Greiner-Pols (22.1.2009:

Abschied vom “Freygang”-Sänger André Greiner-Pol

Es war 1977 und tiefste DDR, als André Greiner-Pol die Rhythm & Blues-Band “Freygang” gründete. Er war ihr Sänger, Sprachrohr und ihr Held. Jetzt ist er tot. Am 15. Dezember starb er an einem Herzinfarkt mit nur 56 Jahren. Seine Kollegen, Fans und Freunde widmeten ihm am 16. Januar ein Abschiedskonzert.

Freygang / Delia Müller

Die Band Freygang mit Sänger André Greiner-Pol (links hinten)

Nonkonformität im Realsozialismus

Es dauerte nicht lange, da wurde aus dem Blues Punk. DDR-Punk. “Der Blues muss bewaffnet sein, sonst glaubt dir kein Schwein”, sang André Greiner-Pol, kurz AGP genannt. Gut dreißig Jahre lang rockten AGP und Freygang durch anarchische Gefilde, mehrfach erhielt die Band Auftritts-Verbot und kam in Haft. Doch davon ließen sich “Freygang” nicht beeindrucken: Für die Dauer der Auftrittssperre formierten sie sich einfach neu und benannten sich um. Die Fans störten sich nicht daran. Im Gegenteil, jetzt erst recht! Denn was zählte, war die Musik, waren die Texte, war der Widerstand. Und das gab es auf den Konzerten, die zum Ereignis wurden. Nonkonformität im Realsozialismus. Es versteht sich von selbst: Alben und Veröffentlichungen waren zu DDR-Zeiten für “Freygang” nicht zu machen. Die kamen später, nach der Wende.

“artour” blickt zurück, nimmt Abschied von André Greiner-Pol und war für Sie beim Konzert in Berlin.

Zur Situation der kurdischen Diaspora in Ungarn

Sidar ist bedrückt. Er kommt gerade von einem Termin mit seinem Anwalt: In drei Tagen muß er Ungarn verlassen, sein Touristenvisum läuft aus und seine Anträge auf Asyl wurden abgelehnt. So wie ihm geht es jährlich Hunderten von Kurden aus allen Teilen Kurdistans, die teils illegal, teils per Touristenvisum nach Ungarn einreisen.

Manche gehen nach Beendigung ihrer Aufenthaltserlaubnis zurück oder ziehen weiter Richtung Deutschland, Skandinavien, England oder Österreich. Nur wenige bleiben – können bleiben.

Doch Sidar wollte bleiben. Nach sieben Jahren Haft, Folter und Flucht aus der Türkei wähnte er sich in Griechenland sicher. Doch Griechenland schiebt kurdische Flüchtlinge ab, zurück in die Folterrepublik, denn mit der Türkei wurde vor zwei Jahren ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet. Also ging er nach Ungarn. Sidar hofft, mit Hilfe von Rechtsanwälten zurückkehren zu können, denn die kurdische Gemeinde in Budapest hat ihn warm aufgenommen und er hat sich durch emsige politische und kulturelle Tätigkeit in sie eingebracht. Er hatte sich eingewöhnt, kennt sich nun aus und könnte anderen weiterhelfen.

Denn so klein die kurdische Diaspora in Ungarn auch ist, so aktiv und lebendig ist ihr Gemeindeleben.

Kurzer Rückblick

Den ersten Kontakt von Ungarn und Kurden gab es auf diplomatischer Ebene im Jahre 1925. Der ungarische Diplomat und Gelehrte für Geographie Graf Pál Teleki bereiste mit zwei Kollegen im Auftrag des Völkerbundes Kurdistan mit dem Auftrag, Informationen zusammen zu stellen, die Entscheidungen bezüglich der festzulegenden Grenze zwischen der neu gegründeten Türkei und dem „Königreich“ Irak untermauern könnten. Diese Frage war auf die diplomatische Tagesordnung gekommen, weil sich nach den kemalistischen Feldzügen gegen die Alliierten, der Proklamierung der Republik Türkei durch Mustafa Kemal, genannt Atatürk, und dem Aushebeln des Vertrages von Sèvres durch die Konferenz in Lausanne die Frage für die Kolonialmächte Groß Britannien, Italien und Frankreich neu stellte. Graf Pál Teleki, konservativer Ex-Premierminister Ungarns und Wissenschaftler, kam während dieser Forschungsreise unter anderem zu dem Schluß: „Die Kurden sind weder Araber, Türken noch Perser […] sie sind klar unterscheidbar, immer noch separat und unterscheidbar von den Arabern […][1]. Er folgerte daraus, dass die Zusagen von Sèvres, die den Kurden nach einer Volksabstimmung eigene `Staatlichkeit` – freilich von Gnaden der Imperialmächte – versprachen, weiter gelten müssten: „Wenn allein nur das ethnische Argument ins Feld geführt wird, müsste die notwendige Schlussfolgerung sein, dass ein unabhängiger kurdischer Staat geschaffen werden muß, denn die Kurden stellen fünf Achtel der Bevölkerung. Mehr noch, zieht man die Yezidi, die rassisch echte Kurden sind, sowie die dortigen Türken, die sicher noch kurdisiert werden könnten mit ein, käme man auf den kurdischen Anteil von sieben Zehntel der Bevölkerung…“, so Graf Teleki. Das ein Ungar einer der wenigen Fürsprecher der Kurden war, ist auch den heutigen Kurden in Ungarn bewusst.

Die Präsenz von Kurden in Ungarn geht bis an den Anfang der 70er Jahre zurück. Damals kamen aus dem befreundeten „sozialistischen“ Syrien kurdische Jugendliche zum Studium nach Ungarn und erste Arbeitsemigranten aus der Türkei kamen ins Land – unter ihnen auch Kurden. Die meißten Kurden aus Syrien studierten technische Fächer und Medizin. Einige heirateten und blieben, heute praktizieren etwa 15 kurdische Ärzte in Budapest, darunter hervorragende Chirurgen. Die Kurden aus der Türkei, die schon lange in Ungarn leben, sind mehrheitlich in der Textilbranche tätig. Die `Neueren` dagegen sind in der Gastronomie beschäftigt und verkaufen den auch hier geliebten Döner, nur das der ironischerweise in Ungarn durchweg Gyros heißt.

Das Zusammenkommen der Kurden der ersten Generation mit den kurdischen Flüchtlingen und Neubürgern der 1990er Jahre gestaltete sich anfangs schwierig, denn deren Kinder und Enkel sind ungarische Staatsbürger, voll integriert und sprechen kaum noch kurdisch. Durch Integrations- und Informationsarbeit des Vereins, der von Flüchtlingen gegründet wurde, näherte man sich an und seit zwei drei Jahren arbeiten alteingesessene und ´neue´ Kurden zusammen.

Das kurdische Leben heute

Anders als in den westeuropäischen EU-Ländern hält sich die Stärke der türkischen und kurdischen Community hier die Waage, freilich auf niedrigem Niveau. Offizielle Statistiken gibt es nicht, da viele Kurden und Türken, die schon lang da sind, die ungarische Staatsbürgerschaft besitzen. Laut Angaben des Magyarorsz Kurdisztani Információs és Kulturális Egyesület /Ungarischer Kurdistan Informations- und Kulturverein leben bis zu 450 Kurden allein in Budapest, von denen am Vereinsleben ca. 150 teilnehmen. Bei Veranstaltungen des Vereins, der sich mit dem Kurdistan Kultur- und Informationsbüro (Kurdisztani Információs és Kulturális Iroda) die Räumlichkeiten in Budapests Innenstadt teilt, kommen jedoch alle Kurden Budapests und teilweise aus anderen Städten Ungarns. Deshalb müssen für das alljährliche Newrozfest im März, dem traditionellen Friedens- und Freiheitsfest im August. Für Konzerte im November und Januar größere Säle angemietet werden. Da es keine kurdischen Heiratssalons gibt wie in Deutschland oder der Schweiz, werden ungarische Musikhäuser gemietet, wie etwa das ehrwürdige Ferencvárosi Művelődési Központ, eines der beliebtesten Kulturzentren der Stadt. Zu den Veranstaltungen kommen immer auch Abgeordnete der Nationalversammlung (Országgyülés) von der zur Zeit mitregierenden MSZP (Sozialistische Partei Ungarns). Auch Staatssekretäre, die Vorsitzenden befreundeter Organisationen wie der kommunistischen Jugendbewegung, dem sozialistischen Jugendblock, der Feministischen Union, von Menschenrechtsvereinen sowie Regierungspolitiker lassen sich regelmäßig blicken. Bilder von Abdullah Öçalan und kurdische Fahnen und Symbole werden auf Demonstrationen der Kurden nicht beschlagnahmt wie in der BRD, sondern hängen selbst in den Parteizentralen und Büros der befreundeten Parteien. Warum das so ist, wollte ich wissen: „Das Verhältnis der Ungarn zu den Kurden ist traditionell gut und offen, da die meißten von ihnen als Flüchtlinge aus der Türkei kamen und auch die Ungarn unter den Türken lange zu leiden hatten“ erklärt man mir diesen Umstand, Bezug nehmend auf die über 160jährige osmanische Besetzung von Teilen Ungarns im 16. und 17. Jahrhundert. Im Bewusstsein der Ungarn wirke dies noch nach. Auch im heutigen Budapest erinnern noch alte Dampfbäder, Mausoleen oder Straßen wie die Török utca / Türkenstrasse, Mecset utca / Moscheestrasse u.a. an die Türkenzeit.

Dem guten Verhältnis zwischen Kurden und Ungarn und der emsigen Tätigkeit des Büros ist es wohl zu verdanken, dass seit vier Monaten eine neue Aufgabe die Mitarbeiter in Anspruch nimmt: Sie machen im Auftrag der Ausländerbehörde Budapests die `Aufnahmetests` für kurdische Asylbewerber. Nur wer nach einem Sprachtest und längerem Gespräch ein Positiv-Zertifikat des Büros erhält, wird als Kurde von der Behörde anerkannt. Da viele Türken sich in den letzten Jahren als Kurden ausgaben, um einen Aufenthaltstitel zu erlangen, schloss die Behörde einen Kooperationsvertrag mit dem Büro. Doch auch viele `zertifizierte` Kurden dürfen nach dem Durchlaufen der Anerkennungsprozedur nicht bleiben. Die Quote ist ähnlich niedrig wie im übrigen Europa.

Umsteigebahnhof Ungarn

Diesem Umstand und dem, dass die kurdische Diaspora im Westen und Norden zahlenmäßig stärker ist, ist es geschuldet, dass viele Kurden Budapest und Györ als Zwischenstop benutzen, sich von Strapazen der Flucht erholen und dann nach Skandinavien, Richtung Westen oder nach Deutschland weiterziehen – legal oder illegal. Bei den kurdischen Ärzten in Budapest lassen sich auch Verletzte der Befreiungsbewegung sowie Kriegsopfer aus allen Teilen Kurdistans operieren und behandeln, bevor sie zurückkehren oder einen sicheren Aufenthalt in einem anderen Land zu finden versuchen.

Von den Kurden der Stadt leben zwei Drittel ´auf Durchreise`, etwa 50-60 haben die ungarische Staatsbürgerschaft und ca. 110 eine ständige Aufenthaltserlaubnis. Die, die bleiben dürfen, können sich uneingeschränkt politisch betätigen. Nicht ohne Stolz berichteten die Mitarbeiter des Kurdistanbüros von der guten Zusammenarbeit mit Behörden und Parteien. Bei der geringen kurdischen Wohnbevölkerung war es zum Beispiel ein großer Erfolg, dass bei der Kampagne „Auch ich bin ein PKKler“ 270 Selbstanzeigen im Ministerium des Innern abgegeben werden konnten und die Kampagne breite Unterstützung bei ungarischen NGO´s erhielt.

Auch eingebürgerte Intellektuelle wie Dr. Farhad Karim und Dr. Moustafa Mousa sind weiter aktiv für die Belange der Kurden im Nahen Osten. So waren sie an der Konferenz zum Recht auf Muttersprache in Budapest beteiligt, brachten zusammen mit dem YXK[2] Petitionen gegen den türkischen Einmarsch während des letzten Irakkrieges heraus, initiieren Aufklärungskampagnen gegen türkische Kriegspropaganda oder kümmern sich zusammen mit dem Kurdistanbüro um Kontaktvermittlung zwischen `einheimischen` Kurden und Neuankömmlingen.

Der nächste kulturelle Höhepunkt wird ein Kurdistan Film Festival sein, das in Zusammenarbeit mit der Föderation der kurdischen Vereine Österreichs in Budapest und Györ veranstaltet werden wird.

Vielleicht kann auch Sidar daran teilnehmen, die ungarischen Behörden hatten ihm nicht mitgeteilt, dass er in ein Drittland hätte ausreisen können, Ungarn gehört ja jetzt zur EU. Ob dieses Behördenfehlers hofft er zurückkehren zu können. Darauf setzt er seine Hoffnungen…

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Weitere Quellen:

Mousa, Moustafa: Történelmi kurdkérdés in: 168 óra (Wochenzeitung), Budapest, 19.08.1999, S. 47.

Tilkovszky, Loránt: Pál Teleki (1879-1941). A biographical sketch in: Studia Historica Academiae Sciientiarum Hungaricae, 86, übers. v. D. Székely. Budapest: Akadémiai, 1974.


[1] Aloian, Zorab: Pál Teleki û Pirsgirêka Kurdistana Başûr unter: http://www.pen-kurd.org/kurdi/zorabaloian/zorab-palTeleki.html

[2] Yekîtiya Xwendekarên Kurdistan / Verband der StudentInnen aus Kurdistan; gegründet 12. Dezember 1991 in Bochum

Radio Azadlıq: Nichts für Štramberger Ohren.

Geleitet von sonnigem mildem Frühlingswind suchten wir Erholung und Ausgleich in der Goldenen Stadt an der Moldau. Nach anstrengenden Wochen ein lohnendes Ziel für die Seele wie für den Gaumen: Prag.

Natürlich ließ mich auch hier mein Entdeckungsdrang nicht ganz zur Ruhe kommen: Tataren gibt es wohl auf jedem Flecken Erde. Und richtig: Schaut man zurück in die Geschichte finden sich etliche interessante Punkte, die ich unseren Lesern nicht vorenthalten möchte. Erste Begegnungen zwischen einheimischen Slawen und Deutschen sowie Turko-tatarischen Völkern gab es auf dem Boden Böhmens und Mährens bereits im Mittelalter. Dies waren Petscheneken, die als Alliierte der ungarischen Könige gegen tschechisch-böhmisch Expansionsbestrebungen kämpften. Immer wieder dienten auch kumanische Stammesverbände (Kıpçaken) in den Heeren der Magyaren. So wehrten sie gemeinsam mit ungarischen Armeen über die Jahrhunderte eine Eroberung der Slowakei durch böhmische Truppen ab (unter Ottokar II. Přemysl 1260, unter Wenzel II. 1300-06 bzw. Wenzel III., die Hussiten 1427-34).

Mehr als Durchzüge muslimischer Kämpfer (türkische Angriffe auf Österreich und Wien im 16. Jahrhundert) erlebte das tschechische Kernland im Gegensatz zur teilweise osmanisch besetzten Slowakei jedoch nie. Im Dreißigjährigen Krieg dann eilte der ungarisch-siebenbürgische Fürst Gábor Bethlen mit türkisch-tatarischen Hilfstruppen den tschechischen Protestanten zu Hilfe, kam aber nur bis Mikulov. Zuletzt durchzogen im 18. Jahrhundert während der Schlesischen Kriegeund des Bayerischen Erbfolgekrieges auch Tatarenregimenter, die legendären „Volontaires de Saxe“ und “bosniakische Lanzenreiter Böhmen und Schlesien. Dabei kämpften diese sowohl auf Seiten der Preußen als auch seiner Gegner und der Begriff „Bosniaken“ ist mehr als ein terminus technicus zu verstehen, ähnlich wie Dragoner, Husar oder Kavallerie. Ethnisch waren viele dieser „Bosniaken“ Krimtataren bzw. Litauer Tataren. 1912 war in Österreich (Böhmen und Mähren) und 1916 in Ungarn und der Slowakei der Islam als Religionsgemeinschaft staatlicherseits anerkannt worden. Nach der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei kamen in den 1920er Jahren mit anderen Russland-Muslimen auch tatarische Bürgerkriegsflüchtlinge in das Land an der Moldau.

In Prag wurde 1934 die erste Muslimische Religionsgemeinde für die Tschechoslowakei (Moslimské náboženské obce pro Československo) offiziell angemeldet und 1935 der Bau einer Moschee in der Hauptstadt beantragt. Seit 1937 wurde eine muslimische Zeitschrift herausgegeben und 1938 weitere muslimische Gesellschaften in Mähren (Brno/Brünn) und der Slowakei (Bratislava/Preßburg) errichtet. Krieg und spätere religionsfeindliche „volksdemokratische“ Herrschaft verhinderten jedoch eine weitere Entwicklung der islamischen Gemeinden.

Radio für ein freies Europa

Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus wurde ein neues Kapitel tatarisch-tschechischer Beziehungen aufgeschlagen. Mit den zahlreichen russischen und ukrainischen Migranten kamen auch wieder Tataren in die Slowakei und nach Tschechien. Heute leben einige hundert Tataren allein in Prag. Mit dem Umzug der Zentrale von Radio Free Europe / Radio Liberty (RFE/RL) von München nach Prag kam nicht nur der ehemalige amerikanische Sender des Klassenfeindes in die Stadt, sondern auch gleich ein paar Arbeitsplätze für tatarische Journalisten. Im ehemaligen Regierungsgebäude der ČSSR arbeiten nun ständig fünf bis sieben tatarische und baschkirische Journalisten. Dies sind zur Zeit Ali Gilmi, Metin Karışmaz, Alsu Kurmasheva, Naif Aqmal sowie der Redaktionsleiter Rim Gilfanov. Für die tägliche Sendung werden internationale Berichte, Reportagen und Nachrichten in eine Stunde auf tatarischer Sprache gepackt und gesendet. Leider lief die Sendelizenz für eine gute UKW-Frequenz in Tatarstan aus, Verhandlungen für eine neue Genehmigung noch nicht abgeschlossen. So kann momentan nur eine 20-minütige Zusammenfassung gesendet über Sendemasten in Tatarstan gesendet werden.

Waren in den Jahrzehnten vor der `Wende` die Fronten des Kalten Krieges maßgebend für die Arbeit der Redakteure und Hauptgeldgeber die CIA, sind heute die Verbreitung objektiver Nachrichten unter Einhaltung des Kodexes für professionellen Journalismus und die Finanzierung durch den Washingtoner Congress die Rahmenbedingungen für Journalisten bei Radio Free Europe. An die Stelle der antikommunistischen Ideologen des „Nationalkomitees für ein freies Europa“ und des „Amerikanischen Komitees für die Befreiung der Völker Russlands“ – beides die Gründungsgesellschaften von RFE und RL – traten professionelle Medien- und Meinungsmacher. Verantwortlich zeichnet für die Arbeit von RFE/RL heute ein Herausgebergremium – das Broadcasting Board of Governors , dem auch prominente Politiker wie Condoleeza Rice angehören. Seit einem Monat ist Jeffrey Gedmin der neue Präsident der über 550 MitarbeiterInnen von Radio Free Europe / Radio Liberty. Der ehemalige Direktor des „Aspen Institute Berlin“ – einem US-amerikanischen Think-tank – ist als häufiger Gast in deutschen Talk-Runden hervor getreten. In der Diskussion über den Irakkrieg im Jahre 2003 warb er sehr engagiert um Verständnis für den amerikanischen Standpunkt, kritisierte in einem Atemzug aber auch die Politik der gegenwärtigen US-Administration.

In einer Zeit, in der die Pressefreiheit immer mehr in den Griff von „gelenkter Demokratie“ gerät, ist die Arbeit der Journalisten in Prag und in den dutzenden Außenstellen eine wichtige neutrale Stimme der Information geworden. Entsprechend schwierig ist die Arbeit der Redaktionen etwa in den Bereichen Belarus, Usbekistan aber auch der Rußländischen Föderation und Tatarstan. Der tatarische Präsident Mintimer Schaimiyev lobte die Redaktion von Radio Azatliq ebenfalls für ihren Einatz: „Radio Azatliq wirbt für demokratische Werte und verbreitet objektive Informationen, wie sie sonst in der Russländischen Föderation nicht zu bekommen sind!“ Mit viel Engagement und Durchhaltevermögen arbeiten so die Kollegen in Kasan und Baku, in Bishkek und Jerewan. Nicht allein die aktuellen Reportagen und Nachrichten für das jeweilige Land, sondern auch das Zusammenstellen von Bulletins über die entsprechende Zielregion gehört zu den Aufgaben der Redaktionen. Neben gedruckten Reports, Nachrichten und Reportagen, die in Washington archiviert werden, sind online „News and Features on Tatarstan and Bashkortostan“ abrufbar und es wurden auf englisch Tages- und Wochenschauen zusammengestellt. Viel Arbeit für das kleine Team um den Soziologen und Politologen Rim Gilfanov.

Wir bedanken uns hier noch einmal herzlich für den warmen Empfang und kommen gerne wieder.

Stramberger Ohren

Eine Spezialität der tschechischen Küche sind die Štramberske usi – die Stramberger Ohren, ein Süßgebäck, dass in seiner Form an abgeschnittene, zusammengeschrumpfte Ohren erinnern soll. Hier die Legende zu den unappetitliche Ohren: Das 1211 erstmals erwähnte Bergstädtchen Štramberk (deutsch Strahlenberg oder Stramberg) mit 3.380 Einwohnern (2004) befindet sich im Vorgebirge der Beskiden, wird auch „Mährisches Bethlehem“ genannt. Es wurde am 4. Dezember 1359 vom Sohn des tschechischen Königs Johann von Luxemburg, den mährischen Marktgrafen Johann Heinrich von Luxemburger, zur Stadt ernannt. Am 8. Mai 1241 (Himmelfahrtstag) besiegten die Christen der Stadt angeblich das tatarisch-mongolische Heer. Zur Erinnerung an die Opfer der Tataren, denen laut Volksmund die Ohren abgeschnitten worden waren, werden seit dieser Zeit die „Stramberger Ohren“ gebacken. Der Bürgermeister von Stramberg, Pavel Podolsky, erklärt: „Als sich die Stadt Stramberg im Jahr 1241 mit letzten Kräften gegen die Tataren verteidigte, half ihr ein Unwetter. Die Tataren wurden in die Flucht geschlagen. Zurück blieben nur die Säcke mit den Ohren, die die Tataren ihren Gegnern abgeschlagen haben. Und zum Andenken an diese Ereignisse bäckt man in Stramberg seit dieser Zeit dieses süße Gebäck“. Mittlerweile sind die Stramberger Ohren als erste regionale Spezialität aus Tschechien europaweit geschützt wie etwa Thüriger Bratwurst oder Schwarzwälder Schinken in Deutschland… Nun, so sagt Pavel Podolsky, stehe die zweite Etappe an, und das sei die europaweite Vermarktung.

Im Namen tatarische Geschichte

Doch nicht nur kulinarisches und militär-geschichtliches Material lassen Verbindungen zu tatarischer Vergangenheit zu. Auch Onomastiker (Namensforscher) hätten ihre Freude in Böhmen und Mähren. Namen bekannter Persönlichkeiten wie Milan Balabán, Theologieprofessor der Karls-Universität, des geschätzten Nationalschriftstellers und slowakischen Dissidenten Dominik Tatarka oder des Soziologen Miloš Balabán könnten auf eine tatarische Geschichte hindeuten. Wobei umstritten ist ob Balaban nun in jedem Falle im tatarischen Sinne „groß“ oder im ukrainischen Sinne von „Falke“ zu verstehen ist…

Während wir Prag besuchten, weilte der tschechische Präsident Vaclav Klaus in Tatarstan. Unter anderem eröffnete er das tschechisch-tatarische Business-Forum. Mintimer Schaimiyev bat auf einem Treffen der Staatsmänner um Unterstützung der tatarischen Community von Prag, bisher hätten sie nicht die Möglichkeit, sich in einem eigenen Kulturhaus zu treffen. Neben der virtuellen Plattform der Tataren Tschechiens im Internet wäre es schön, einen realen eigenen Platz für kulturelle Aktivitäten zu haben…

Tatarská Omáčka

Nach interessanten Ausflügen und herzlichen Begegnungen ließen wir den Abend in einem Restaurant von Prag-Satalice ausklingen. Und auch hier begegnete uns östliche Geschichte: Die Wirtin, die uns mit sehr deftigen Speisen bewirtete, kommt aus Dagestan und spricht unter anderem Nogay-tatarisch! Manchmal kann man solche Zufälle mit gar nichts anderem bezeichnen als mit dem Wörtchen kismet! Und auf keiner Karte eines Prager Restaurants fehlte Tatarská Omáčka – Tatarensauce. Nicht nur zu Americké brambory, Amerikanischen Kartoffeln, wird diese Soße kredenzt. Warum gerade diese Tatarensoße so beliebt zu sein scheint, werden wir an anderer Stelle berichten…

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Quellen:

Jüptner, G.E.: Kurzgefaßte Geschichte Schlesiens zum Gebrauch für Stadt- und Landschulen, Schweidnitz: Ludwig Heege, 1840, S. 14.

Kuffner, Hanus: Tatari na Morave [Tataren in Mähren], Prag, 1926.

Poláškov, Jiřina & Jaromír: Z úst do úst: Pověsti ze Štramberku a okolí [Von Mund zu Mund: Sagen aus Stramberg und Umgebung]. Dobrá (ČR): Beatris, 2006, S. 5.

Vojkovský, Rotislav: Štramberk. Zbytky hradu ve stejnojmenném městě Nového Jičína [Stramberg. Reste der Burg an gleichnamigem Ort unweit von Nového Jičína]. Dobrá (ČR): Beatris, 2007, S. 2.

Im Internet: Tatarische Gemeinde: www.tatar.cz

Tatarische Redaktion: http://www.azatliq.org/

Als Artikel erschienen in Altabash, Nr. 5/32 (Mai 2007), S. 23-26.

Im April hatte ich die Gelegenheit – leider meißt bei Regen und Schnee – das Venedig des Nordens kenne zu lernen. Die Heinrich-Böll-Stiftung Berlin/Moskau, die Gesellschaft „MEMORIAL“ und das Institut für unabhängige Sozialforschung Sankt Petersburg führten ein Symposium durch, auf dem Wissenschaftler sich soziologisch und historisch mit der Geschichte des Vielvölkerstaates Russland auseinandersetzten. Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass auch ich als Turkologe mit solcher Vehemenz auf tataro-türkische Geschichte und Gegenwart Sankt Petersburgs treffen würde, gilt Sankt Petersburg doch als Inbegriff und Anfang des Aufstiegs Russlands zur Weltmacht.

Doch schon bei der Ankunft war eine Auseinandersetzung mit tatarischer Geschichte der Stadt unausweichlich: Bei dem fürstlichen Abendessen am ersten Abend im Hotel „Krestovskii Ostrov“ bediente uns eine außergewöhnlich anmutige Schönheit, die im Laufe des Abends verriet, dass sie Krimtatarin sei. Oksana´s Familie stamme wie einige hundert andere im Raum Sankt Petersburg aus der Ukraine und lebe hier schon einige Generationen. Welch ein warmes Willkommen für mich Turkologen!

Wie mir in dieser Woche klar werden sollte widerspiegelten nicht nur die TeilnehmerInnen des Symposiums die ethnische und kulturelle Vielfalt der Rußländischen Föderation, sondern auch die Bewohner der Stadt selbst sind Zeugnis der multikulturellen Geschichte Sankt Petersburgs. Während auf dem wissenschaftlichen Treffen vor allem die jüngere Geschichte und aktuelle sozio-politische Probleme behandelt wurden, traf ich überall in der Stadt auf alte turko-tatarische Geschichte. Hier möchte ich zur Illustration einige Beiträge der TeilnehmerInnen des Symposiums erwähnen: Die Tatarin Aida Nurutdinowa (Kasan) referierte über die „Verwirklichung und Verletzung von Wahlrechten in Russland im elektoralen Media-Diskurs (am Beispiel einer Diskursanalyse von Informationsprogrammen im Fernsehen)“; Nikolaj Chajbulajew (Uchta) über die „Rechtliche Lage von Terroropfern in Russland“; die Wolgadeutsche Tatjana Rik (Moskau) sprach über „Zivilgesellschaft in Russland gegen Folter und Gewalt in der Tschetschenischen Republik: Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als eine Möglichkeit zur Lösung des Problems die Rechte der Bürger zu schützen“; Nikolaj Karbainow (Ulan-Ude) über „’Zachalowki’ in Ulan-Ude: soziale Probleme der Adaption dörflicher Migranten in die Stadt“; der Jakute Semjon Grigorjew (Jakutsk) über „Zwangsumsiedler im Kreis Ust-Jansk in Jakutien“. Nicht nur die Referate waren spannend wie etwa „Nationalitätenpolitik auf kommunaler Ebene: Institute, Praxis, Diskurs. Am Beispiel des modernen Irkutsk“ von Irina Abdulowa (Irkutsk), sondern auch die persönlichen Lebensgeschichten. So hat die bekennende Sibiryatshka Irina tatarische und aserbaidschanische Vorfahren, während Nikolaj aus Uchta kirgisische Ahnen hat. Meine Namensvetterin Tatjana erführ so erstmals von de Bedeutung ihres Nachnamens[1].

Ich selbst hatte Referate zur „Lingualen, humanitären, politischen und sozio-ökonomischen Situation der Krimtataren nach der Rückkehr aus der Deportation“ sowie zur „Intraethnischen religiösen, migrationsgeschichtlichen und politischen Differenzierung der Kurden in der GUS“ vorbereitet.

Neben dem wissenschaftlichen Programm hatten wir nur eine knapp bemessene Zeit für die Erkundung der Stadt zur Verfügung. Doch was ich sehen und erleben konnte, war überraschend und interessant für mich und – wie ich hoffe – auch für die werten Leser der AlTaBash.

Als erstes besuchte ich die Eremitage und die große Moschee in der Nähe der Peter-Pauls-Festung[2]. Die Hauptmoschee der Muslime der Region Nordwest der Rußländischen Föderation wurde schon 1910 erbaut und ist auch Sitz des Muftis Jafyar Nasibullovič Pončayev, der dem Muftiyat der Region Nordwest/Sankt Petersburg vorsteht. In der Moschee sprach ich mit Tschetschenen, Tadschiken, Afghanen und Tataren über ihr Leben in Sankt Petersburg. Muslime mit gänzlich verschiedenen Migrationsgeschichten treffen sich zum Gebet und zu kulturellen Veranstaltungen in dem Komplex an der ul. Gorkovskaya. Der Imam Hüseyin ağa, ein Türke aus der Türkei und der Geschäftsführer der Gemeinde Latifullah Babai bey, wie der Mufti ein Kazan-Tatare, erzählten mir von der tatarischen Geschichte Sankt Petersburgs und machten mich auf verschiedene Publikationen aufmerksam. In Sankt Petersburg leben ungefähr 100.000 Tataren. Viele von ihnen schon seit Generationen, ja sogar die Gründung Sankt Peterburgs wäre ohne die Tataren wohl viel schwieriger verlaufen. Auf Geheiß Peter des Ersten kamen ab 1703 neben russischen auch hunderte tatarische Handwerker und Arbeiter, die die Fundamente der Stadt legten, die ersten Flächen urbar machten und Gebäude errichteten. In der ersten Zeit starben tausende aufgrund der extremen Boden- und Witterungsbedingungen. Bei der Volkszählung von 1900 wurden 8.000 Muslime gezählt. Je nach Herkunft siedelten sich Tataren und Baschkiren aus Kazimov, Ufa, Astrachan, Samara, Saratov, Orenburg, Sibir und Tobolsk in eigenen Vierteln an. Im Journal „Sowjetische Ethnografie“ gibt die Autorin G.V. Starovoytova folgende Bevölkerungsstatistik: Mitte des 19. Jh. lebten in Sankt Petersburg 27,2 Prozent Kazantataren, Mischär-Tataren 30,6 Prozent, Kazimov-Tataren 3,6 Prozent. Der Rest verteilte sich auf alle anderen Herkunftsgebiete. Dies war die feste Wohnbevölkerung, die zahlreichen tatarischen Angehörigen von Militär und Flotte wurden gesondert gezählt. Heute wird ihre Zahl auf 500.000 geschätzt. Genaue Zahlen sind nicht eruierbar, da das Propiska-System und illegale Migration exakte Erhebungen unmöglich machen. Einen guten Überblick über das tatarische Sankt Peterburg gibt das 2003 erschienene Buch „Die tatarische Gemeinschaft von Sankt Petersburg – Zum 300-jährigen Bestehen der Stadt“. Es wurde von dem Philologen Raxim Telyashov mit Unterstützung von tatarischen Geschäftsleuten der Stadt herausgegeben und beinhaltet Kapitel über die Geschichte der Gemeinde, über Tataren in der zaristischen Flotte, ihren Beitrag bei der Verteidigung Leningrads, über Sankt Petersburg als tatarische Kulturhauptstadt und weitere sehr interessante Kapitel. Auch für die krimtatarische Geschichtsschreibung sind einige Kapitel des Buches relevant. Mir war bisher nicht bekannt, dass Krimtataren, Kazantataren und Baschkiren in der zaristischen Armee ganze Eskadronen gestellt haben.

Rinat Piterskii, der Redakteur von NUR (Licht), der Zeitschrift des Muftiyats der Muslime Sankt Peterburgs[3] und der Region Nordwest der Russländischen Föderation ist gleichzeitig Redakteur der Internetseite der Petersburger Tataren (www.tatarlar.spb.ru), Buchverkäufer und Informationsbörse. Ihm möchte ich hier für Informationen und das Buchgeschenk danken, welches er mir am letzten sonnigen Tag unseres Aufenthaltes übergab.

Das letzte Buchprojekt der Tataren Petersburgs war ein historischer Überblick über die Aktivitäten von Partisanen im II. Weltkrieg. Berichtet wird darin von Tschuwaschen, Tataren, Baschkiren, Udmurten und Mordwiniern, die in Weißrußland hinter den feindlichen Linien kämpften. Leider konnte ich das Buch in der Kürze der Zeit nicht mehr besorgen, hoffe es aber in einer der nächsten Ausgaben der AlTaBash vorstellen zu können[4].

Bei den Fahrten mit der Metro sprang mir immer wieder Werbung ins Auge, die die türkischen Einflüsse auf die Sprachen im russischen Reich widerspiegeln. Eine Werbung einer Bank fragte “Управять деньгами не вставая с дивана?“ (Soll Ihr Geld arbeiten, während Sie den Diwan nicht verlassen?). Wohl kaum noch jemandem ist bewusst, dass Diwan ein originär persisches Wort ist und wahrscheinlich über das Krimtatarische in die Russische Sprache Einzug hielt[5]. Und auch in der allgegenwärtigen Werbung für das Magazin „Heimischer Herd“ (ДомашнийОчаг) ist zu sehen, wie ein Wort aus den turko-tatarischen Sprachen ins Russische gewandert ist – bei gleich lautender Semantik.

Während eines Stadtspazierganges nach dem Moschee-Besuch kam ich an etlichen Orten vorbei, die ebenfalls an türkische und tatarische Geschichte erinnern. Vorbei an der „Tatarischen Gasse“ (Татарский перeулок) kommt man zum Restaurant „Osman Khan“[6]. Die Tatarische Gasse weißt auf die erste tatarische Besiedlung der Gegend um Kronwerk hin. Der Hannoveraner Gesandte am Hof Peter I., H.F. Weber, schreibt in seinem 1721 in Frankfurt a.M. veröffentlichten Buch „Das veränderte Russland“, dass in dieser Gegend der erste tatarische Basar entstand und die ersten tatarischen Viertel, teils noch aus Jurten bestehend, gegründet wurden. Auch Türken und Kalmüken hätten damals schon dort gewohnt.

Bei einem stärkenden Adana-Kebab und türkischem Tee im „Osman Khan“ kam ich kurz ins Gespräch mit dem Inhaber Gökhan Bozay. Er ist Türke aus der Türkei, lernte seine tatarische Frau in Sankt Petersburg kennen und gründete das Restaurant. Ungefähr 6.000 Türken arbeiten in der Stadt, der Bauboom der letzten Jahre machte es möglich. Einige Türken schlugen Wurzeln und blieben. Nun sind sie bereits so zahlreich, dass in Kürze ein eigener Verein der Petersburger Türken gegründet werden wird.

Auf dem Weg zur „Gesellschaft für die Wiedergeburt des Islams, der islamischen Kultur und muslimischen Tradition in Sankt Petersburg“[7] kommt man vorbei an einem renommierten tatarischen Restaurant[8] und an der Dschabul-Gasse, benannt nach dem kasachischen Aşık Shambil Shabayev, der im II. Weltkrieg während der 900-Tage-Belagerung der Stadt der Bevölkerung mit seiner Kunst Hoffnung gab.

Alle tatarischen Institutionen zu besuchen, blieb mir ebenfalls zu meinem Bedauern keine Zeit. Je mehr ich las und sah, desto mehr nächste Möglichkeiten eröffneten sich. So zum Beispiel das krimtatarische Restaurant „Beloe Solnze“ oder den Verlag „Dilya“[9]. Am letzten Tag entdeckte ich, dass der Klub „Olymp“, in dem die Petersburger Gesellschaft „Tatarstan“ Tanzabende, Diskotheken, Wettbewerbe und Konzerte veranstaltet, ganz in der Nähe unseres Hotels lag[10]. Viele Tataren der Stadt beteiligten sich gerade an den Vorbereitungen für das Sabantuy-Fest. Für die Organisation des Festes wurde die „Stiftung für die Durchführung der kulturellen Veranstaltung Sabantuy Sankt Petersburg[11]“ gegründet. Die vergangenen Feste kann man auf ihrer Homepage nachverfolgen.

Am letzten Abend hatten wir noch die Gelegenheit mit Freunden aus Astrachan, Burjatien und Aserbaidschan zu einem fantastischen Konzert gehen zu können. Die Band „Markscheiderkunst“, die seit langem meine russischen Favoriten sind, spielten im legendären Petersburger Klub „Orlandina“! Nach Tanz und Gesang, einer anstrengenden Woche und mit vielen neuen Kontakten im Gepäck verabschiedete ich mich am Samstag Morgen von Oksana, die die Hotelgäste allein mit ihrer Anwesenheit eine Woche verzauberte.

Sağlıqnen kal ve körüşkence Sankt Peterburg!

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Quellen:

Aminov, D.A.: Tatary v Sankt Peterburge. Istoriya mečeti i musul´man goroda Sankt Peterburg: o.A., 1994.

Starovoitova, G.V.: O formirovanii tatarskoietnodispersnoi gruppy v haselenii Peterburga-Leningrada in: Sovetskaya etnografiya” Nr. 1, 1980.


[1] Riecke < rieck = reich; von germanisch rihhi (Herrscher, reich)

[2] Кронверкский проспект 7, Nähe Metro Gorkovskaya.

[3] Teile der Ausgaben von 2003 sind unter www.sabantuy.ru einzusehen. Adresse der Red.: 197046 SPb, Кронверкский проспект 7, Tel.: 233-98-19.

[4] Yanguzov, Zakir Šarifovič.: Volžan v partizanskom dviženii v Belorussii (iyun 1941-iyul 1944), SPburg, 2005.

[5] pers.: dēvān > dīvān; alte Bedeutung: schreiben; ab 18.Jh.. auch im Deutschen bezeugt.

[6] Кронверкский проспект 69

[7] Набережнаяреки Фонтанки 78

[8] Семёновская пл.; Ecke Бородинская / н.р. Фонтанки

[9] ООО Фирма «Диля»; СПб: м. Балтийская; Митрофаньевское шоссе д.18 литер “Ж”; (812) 378-39-29 Будни с 09- до 18-00; e-mail: spb@dilya.ru

[10] Кафе „Олимп“, пр. Динамо у метро „Крестовский остров“; Стадион Динамо, дом 44.

[11] Фонд “ПЕТЕРБУРГСКИЙ САБАНТУЙ” СПб, ул. Ломоносова, д. 20, офис 3.; тел: 8(812) 571-07-54; факс: 8(812) 571-64-67; e-mail: sabantuy@sp.ru ; http :/ /www.sabantuy.ru

Als Artikel erschienen in Altabash, Nr. 7 / 22 (Julei 2006), S. 13-16. Unter: altabash.tk

Auf den Spuren von Kumanen und Tataren.

Eingeladen zur  51. Zusammenkunft der PIAC[1] nutzte ich diese meine erste Gelegenheit Rumänien zu besuchen dazu, auch die Tataren der Dobrudscha kennen zu lernen. Bereits in Bukarest wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Prof. Dr. Kîyaseddin Uteu, den ich bereits auf dem Matem günü in Aqmescit kennenlernte, ist der Vorsitzende der Bukarester Filiale der Demokratischen Union der muslimischen Tatar-Türken Rumäniens (UDTTMR)[2], des offiziellen Selbstvertretungsorgans  der rumänischen Tataren. Die UDTTMR mit ihren Filialen kümmert sich jedoch nicht nur um Politik, sondern das ganze Spektrum sozialer und kultureller Belange ihrer Mitglieder wird versucht abzudecken. Dies betrifft Freizeit, Musik[3], Bildung und Literatur gleichermaßen. Mit Prof. Uteu  und einigen Mitgliedern des Bukarester Vereins konnte ich den verregneten Nachmittag verbringen, erfuhr Neuigkeiten aus dem Gemeindeleben und wurde schließlich zum Busbahnhof begleitet, von wo mich ein Linienbus in die Dobrudscha bringen sollte.

Die Busfahrt führte durch fruchtbare Ebenen und querte vor  Medschidiye die Donau. Wir passierten Orte, die mich immer wieder an die turko-tatarische Vergangenheit, an osmanisches Erbe und wechselnde Kulturen erinnerten. Ortsnamen wie Basarabi, Comana, Babadağ, Tschukurova und Petschinega lösen in einem Turkologen viele Assoziationen aus. Seit Jahrtausenden ist diese Gegend Durchzugs- oder Siedlungsgebiet verschiedenster Völker gewesen. Die Bolgar-Tataren, Petscheken, Kumanen, Slawen, Osmanen und Romanen prägten diese Gegend. Und auch als ich Murfatlar durchfuhr kam ein weiteres Aha! Der  gute Wein aus Murfatlar verwöhnte einst den Gaumen aller Kenner im Ostblock, doch wußte ich früher nicht, daß es ein tatarisches Städtchen ist, welches dem Wein seinen Namen gab, der wohl von türkisch-tatarisch Murvet  für „Freigiebiger wohlwollender Mann“  kommt.[4] Die Weinkeller von Murfatlar wurden bereits vom römischen Dichter Ovid (43 v. Chr. bis 8 n. Chr.) erwähnt, den Namen Murfatlar bekam das Städtchen erst im letzten Jahr wieder – per Beschluss des Nationalparlamentes.

Im quirligen Constanta/Köstence angelangt  suchte ich den Weg nach Mamaia, wo das Hotel „Aurora“ des tatarischen Geschäftsmannes Agiacai (sprich: Adschi Akai) Saladin zu finden ist[5]. Er ist der Präsident der UDTTMR. Abertausende Touristen flanierten die Küstenstrasse entlang, Hauptsaison. Nach einer unruhigen Nacht traf ich dann endlich die Mitglieder der örtlichen Gemeinde, konnte Verlag und Redaktion von Caş [Die Jugend][6], Kadınlar Dünyası [Welt der Frauen] und Karadeniz [Schwarzes Meer] besichtigen.  Durch Zuschüsse aus dem Staatshaushalt können diese tatarischen Publikationen erscheinen, aber auch durch Sponsoren wie Agiacai aga. Das Prozedere für die Veröffentlichung von eigenen Büchern ist nach wie vor sehr langwierig und bürokratisch; es kann aber über beliebige Themen und in jeder Sprache publiziert werden. Minderheitenschutz und Förderung nationaler Minderheiten ist eine der positiven Seiten der neuen Zeit. Es gibt etliche einzelgesetzliche Bestimmungen außerhalb der Verfassung, die den Minderheitenschutz in Rumänien garantieren.

Diese sind etwa die Bereiche Schul- und Bildungswesen, Sprachgebrauch, Namensrecht, topografischen Beschreibungen, Kulturwahrung und -pflege, politische Mitwirkung, staatliche Förderung und Organisationsrecht. Wofür die Tataren auf der Krim noch kämpfen, ist hier Normalität. Und doch gibt es Wermuthstropfen trotz der positiven Rahmenbedingungen: Zur Zeit gibt es keine tatarische Fakultät an einer rumänischen Universität, muttersprachlicher unterricht wird nur in Sonntagsschulen und ab diesem Schuljahr erstmals an Grundschulen angeboten. Auch die zahlenmäßige Schwäche der Community und Abwanderung in die Türkei sind problematisch, manch junge Tataren lernen lieber Turkisch als sich mit der Sprache der Eltern zu beschäftigen: In der Wirtschaft kommt man so weiter…

Bei einem Tee-Treffen mit Aledin Amet, dem frisch gewählten tatarischen Abgeordneten des Nationalparlamentes und Nihat Osman, dem Chefredakteur von Kara Deñiz[7] konnte ich mit vielen interessanten Menschen sprechen, meißt mit Senioren, denn zum Schachspiel am Sonntag vormittag kommen traditionell nur die älteren Semester der Gemeinde. In Köstence leben circa 3300 Tataren, in ganz Rumänien um die 23.000. Daneben leben 27.000 Türken und 2500 Gagausen in im Lande, zumeißt ebenfalls in der Dobrudscha.

Interessant waren die Gespräche mit den alten Herren der Gemeinde aber allemal. Themen waren die Wehrmacht, der II. Weltkrieg, Geschichte, Auswanderung und immer wieder die Befürchtung, in ein zwei Genrationen könne die tatarische Kultur der Dobrudscha erlöschen. In der Rückschau auf die Zeit der deutschen Besatzung bleibt man betont neutral bis deutschfreundlich, da die Tataren unter Russen und Sowjets eben mehr zu leiden hatten als unter Rumänen oder Deutschen… Am 5. September 1940 putschte sich General Antonescu mit der “Eisernen Garde”, seiner faschistisch ausgerichteten Kaderorganisation, an die Macht. Carol II. verließ das Land. Rumänien schloss mit Hitler einen Beistandspakt ab. Deutsche Truppen durften als „Schutzmacht” gegen die Sowjets in Rumänien einrücken.

Auch um die eigene Selbstsicht wird nach wie vor gestritten, über die eigene Ethnizität diskutiert. Keineswegs unumstritten ist das starke Engagement der Türken in der Dobrudscha. So bekam in der Vergangenheit nur der materielle Unterstützung bei Projekten, der sich auch als Türke zu bezeichnen bereit war. Für Leute, die sich strikt als Tataren bezeichnen gibt es schon mal nur den Wink zur Tür… Das Miteinander ist jedoch im Allgemeinen recht unkompliziert; Türken und Tataren leben ja schon Jahrhunderte zusammen in dieser Region – auch mit Deutschen.

Leider schaffte ich es nicht mehr, auch die deutsche Gemeinde zu besuchen, ist die Dobrudscha doch auch seit fast 200 Jahren die Heimat von Nachfahren sächsischer und schwäbischer Siedler[8]. Ihre Gemeinde zählt in Köstence jedoch nurmehr einige dutzend Personen.

Durch die Altstadt, die Moschee von und die Hauptmoschee „Carol I.“ führte mich dann unter anderen Adschi Akai aga. Spannend waren die Geschichten um die Geschichte der Carol-Moschee. Benannt ist sie nach dem ersten König Rumäniens, Karl I., einem gebürtigen Hohenzollernprinz aus Baden-Würtemberg[9]. Er soll seinen Untertanen, Christen wie Muslimen gleichermaßen sehr zugetan gewesen sein. Der ausgewogenen Religionspolitik Karls I. ist auch der Bau der Moschee von Constanta zu verdanken und ihm zu Ehren heißt sie Moschee Carol I. Auch im Carol I. Park in Bukarest wurde 1906 eine Moschee errichtet. In der Carol-Moschee von Constanta ist der zu große Teppich auffällig. Dieser riesige Gebetsteppich stammt von der Moschee auf Ada Kaleh [Inselburg], zeitweilig auch Caroline-Insel oder Neu-Orschowa genannt. Dies war eine Insel in der Donau, eine osmanische Enklave mitten auf dem Balkan, die ab 1968 dem Bau eines rumänisch-jugoslawischen Staudammes am Eisernen Tor geopfert wurde und 1971 in der Donau versank. Die Bewohner waren nach wie vor aber Türken. Der dortige von Carol I. gestiftete Moscheeteppich wurde unter großen Mühen nach Konstanta gebracht und liegt dort nun in der für ihn zu kleinen aber sehr symbolträchtigen Carol-Moschee. Die Frau von Carol I., Königin Elisabeth – genannt Carmen Sylva – stiftete in der Süd-Dobrudscha, in Baltschik, eine Moschee und war als Literatin sehr bekannt, übersetzte unter anderem Pierre Lotis Pêcheur d’Islande [Die Islandfischer] 1885 ins Rumänische[10].

Ein trauriges Wiedersehen gab es mit den Gemeindemitgliedern nach meiner Rückkehr in Bukarest. Zusammen mit Prof. Bozkurt, Dr. Oral aus Antalya und Abdullah Gülloğlu aus Berlin waren wir zur Miraj-gecesi geladen. Diese Nacht der Himmelsfahrt des Propheten wurde traditionell mit Gebeten und Gesängen in Bukarests ältester Moschee in der Constantin-Mănescu-Strasse begangen, einem Teils noch aus Holz errichteten Bau. Jedoch hatten die alten Bekannten von Fuat Bozkurt, die wir treffen wollten, gerade einen Trauerfall zu beklagen. Ihre Tochter Melek Amet war an einer unheilbaren Krankheit gestorben. So kondolierten wir, wünschten noch einen besinnlichen Festtag und verabschiedeten uns wieder…

Für die Herzlichkeit und Offenheit sei hier noch einmal mal allen in Constanta und Bukarest gedankt, gern komme ich wieder…

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1 Mit Prof. Kiyasettin Uteu in der Vereinsfiliale Bukarest

2 Blick von der KarlsMoschee Konstanta

3 Im Verein von Konstanta


[1] Siehe dazu unseren Wissenschaftsteil Scienca Tataricae

[2] Uniunea Democrată a Tătarilor Turco-Musulmani din România

[3] Populärmusik: www.tatarmix.ro Folklore: http://yildizlar.3x.ro/

[4] Auch auf der Krim gibt es eine beliebte Rebsorte Murvet. „Mürüvvet/Mürvet“ kam aus dem Arabischen in die Turksprachen.

[5] http://www.hotelaurora.ro/

[6] Die Jugendorganisation hat auch einen eigenen Chat:  http://groups.yahoo.com/group/caslar/

[7] Herzlichen Dank an Familie Resuloğlu in München für die Vermittlung des Kontaktes zu ihren Verwandten in Köstence.

[8] Zu deutsch-tatarischer Vergangenheit der Dobrudscha siehe “Kindheit in der Dobrudscha” von Lydia Bergen, Erinnerungen an ihr protestantisches Heimatdorf Atmadscha [Habicht/Sperber] und  ”Deutsche Kindheit in der Dobrudscha” von M Monika Niermann, deren Vorfahren aus dem wichtigsten katholischen Ort Karamurat [Schwarzer Murat] stammen (Elwert Verlag Marburg 1996).

[9] Karl Eitel Friedrich Zephyrinus Ludwig von Hohenzollern-Sigmaringen, ab 1866 Carol I. Fürst zu und König von Rumänien, (* 20. April 1839,  Sigmaringen; † 10. Oktober 1914, Schloss Peleş in Sinaia)

[10] Prinzessin Elisabeth Pauline Ottilie Luise zu Wied (* 29. Dezember 1843, Schloss Monrepos bei Neuwied am Rhein; † 2. März 1916 in Bukarest).

Als Artikel erschienen in Altabash Nr. 9/48 (Sep.2008) unter: altabash.tk

Tатарстан     15.11.2007

Совет чорында Эчке эшләр министрлыгы клубы булып торган лютеран чиркәвендә “Күптөрлелек яки күптөрлелелк белән танышу” исемле тикшеренү проектында катнашучы кунаклар хөрмәтенә концерт оештырылды. Тикшеренүчеләр Татарстанда Муса Җәлилгә яңа мөнәсәбәтне ачыклаган. Россияда католик алманнар да шактый. Тик Казан алманнары үзәге җитәкчеләре Виктор Диц тәкъдиме белән лютеран чиркәве янына тупланып тора. Чиркәүгә йөрергә барыбер алманнар җитешми. Алар туксанынчы елларда күпләп Алманиягә киткәннәр дә кайтмаганнар. Мәдәни үзәккә дә, концертларына да татарлар, урыслар, яһүдләр йөри. Виктор Диц та татарга өйләнгән. Шуңа күрәме, совет чорында “фашист” дип бармак төртеп күрсәткәндә, татар зыялысы безгә хөрмәт белән карады дип саный. Татар гына түгел, алманнарны башкалар да үз итә. Санкт-Петербург университетында органда уйнарга укучы кыз Cвета Синицина православиены да, католцизмны да кабул итә. Ул акустикасы торгызылып бетмәгән гыйбадәт залында классик лютеран музыкасы Иоган Себастьян Бахны уйнады. Чиркәүгә дә әйбәт, бушлай музыкант, Синицина да органда тәҗрибә туплый. Концерт “Күптөрлелек яки күптөрлелек белән танышу” исемле тикшеренү проектында катнашучы Европа илләренән килгән студентлар җитәкчесе Берлинда яшәүче Кырым, Татарстан буенча белгеч, анда татар җәмгыятенең дусты төрекчә сөйләшүче Мисте Хотопп-Рикке. Проектта Алмания, Польша, Белорусия һәм Россия, Татарстан ягы студентлары катнаша. Алар алманча, татарча, урысча, инглизчә сөйләшә. Беренче тапкыр Алмания һәм Россия, Татарстан проекты ясалган. Тәүге тапкыр бергәләшеп тикшеренәләр. 18 ноябрьгә кадәр Татарстанда булалар, аннары бер атнага Алманиягә баралар. Ә Татарстанага килгәндә, Мисте биредә күпмилләтле җәмгыятьнең дус яшәвен күрә. Шулай ук Татарстанны Берлин белән бәйләп торучы Муса Җәлил турында халык ни уйлый дип тә сорый. Мисте Хотопп-Рикке: – Яңа эмиграция бар. Әйтик моннан шактый санда яһүдиләр Израилгә, Америкага качтылар. Әмма Татарстандада алар өчен уңайлы яшәү шартлары бар. Чөнки Татарстанда милләтара вәзгыять үзенчәлекле, халыклар арасында тыныч һәм үзара хөрмәт белән яшәү бар. Алар кире дә кайта башларга мөмкин. Без эммиграция проблемаларын Казанда да, Алманиядә дә тикшерәбез. Гаҗәп әйберләр очрый. Әйтик бу алман йортында да эшләгән кайбер кешеләрнең гаилә әгъзәләре яһүди җәмгыятендә эшли. Яки кайберләре алман-татар гаиләсе кешесенә өйләнгән. Алар арасында аңлашылмаучанлык юк. Бу безнең өчен бик кызыклы нәрсә булып күренде. Шулай ук Муса Җәлил турында, аның хәтирәсе турында өйрәнәбез. Совет чорында аны кем буларак беләләр иде? Бер коллабрационсит, вакытка яраклашучымы, коммунситмы, герой дипме? Кайсысы хәзер мөхимрәк. Яки Совет чорындагы кебек кабул итү дәвам итәме? Хәзер аны кем дип таныйлар. Шулай ук Германия да ул кем булып танылган. Әйтик Берлинда ул үтерелгән. Анда музее бар. Шулай ук ГДР җирлегендә аның исемендәге тимер юл депосы бар иде. Аның эшчеләре Муса Җәлилнең кызы Чулпан белән дә очрашкан булган. Тик ни өчен Чулпан гына. Германиядә өч китап чыкты. Тик аларда басым бары тик Чулпанга гына түгел иде. Бу да бик кызыклы әйбер. Без Җәлил музеенда сорадык. Ни өчен Чулпан гына монда. Башка балалары да бар иде. Төгәллекне яратучы алманнар шагыйрьнең совет чорында күләгәдә тотылган нәсел җебе Рәисә Җәлилова белән дә очрашкан. Шулай ук Мисте совет чорында язылганнар белән алман галимнәре язганнар арасында аерма барлыгына да ишарә итә. Хәер, Алманиядә Җәлилне өйрәнүчеләр арасында татарлар бар. Әлки районында туып үскән Ләйсән Кәлимуллина Казанга тикшеренүләр өчен Алмания кешесе буларак кайткан. Казанда яшәгән, сугыш вакытында әсирлеккә төшкән мәрһүм Тәмербәк Дәүләтшин да бүген алман галиме дип санала. Ул совет иле аңлатканча Җәлил сугышның икенче көненнән үк сугышка китмәгән дип язып калдырган. Җәлил алты айлык сәяси идарә курсларында булган. Мисте нәрсә каһарманлык ясау булган, нәрсә чынбарлык дип сорый? Шулай ук кызыл армиянең татар язучыларына мөнәсәбәте гаҗәпләндерә. Ни өчен урыс язучылары Татарстан ягына эвакуацияләнгәндә, Җәлилне һәм башка язучыларны фронт сызыгына чыгарганнар? Кулына каләм генә тота белгән язучылар берлеге рәисе фронтта нишләргә тиеш булган? Шулай ук үз халкы черегән бәрәңге ашаган, Сталин салымнарыннан кырылган вакытта Җәлил ник “майлы бутерброд ашап” Берлин урамнарында ак күлмәк, галстуктан йөргән. Аның әсирлектәге татар берләшмәләренә мөнәсәбәте нинди булган? Монысы галимнәр эше. Ә “Күптөрлелек яки күптөрлелек белән танышу” проекты совет мәктәбендә тәрбияләнгән кешеләренең үткән чор идолларына Татарстанда мөнәсәбәт үзгәрмәдеме дип сорый. Яки ул мәхәббәт рәсми трибуналарда, түрәләр авызында гынамы? Мәсьәлән студент Алик Мәхмүтов үзен милли җанлы дип саный, шуңа күрә Муса Җәлилне белә. Тик башкалар аны беләме? Алик Мәхмүтов: – “Кем ул?”- дип сорыйлар. Чөнки онытылып бара. Пионерия чорындагы кебек аны рекламалау, пропогандалау юк. Шулай ук элек тә аны беренче чиратта каһарман дип аңлаталар иде, аннары гына ул шагыйрь буларак танылды. Күптөрлелек буенча тикшеренүләр “Триалог” исемле проект кысаларында ясалган. Аны 2002 елда Мәскәү, Питербург, Берлин университетлары башлап җибәргән. Шулай ук аңа Киев, Барнаул, Казан университетлары да кушылган.

Амил Нур / Amil Nur, Azatlıq radyosı / Radio Free Europe – Tatar Broadcast Service

Bei den Tataren Litauens

Sommer 2006

Auch die Zeitschrift “Litauer Tataren” berichtete über unser Treffen (Nr. 7-8, 2006, S.7).

Muslime in Litauen: Zwischen Emigration und Erneuerung.

Während im westlichen Europa die muslimische Wohnbevölkerung ein noch recht junges Phänomen ist, siedeln Muslime in Ost- und Mittel-Europa seit Jahrhunderten, so etwa in Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und Belarus. Auch in Litauen stellen Muslime seit über sechshundert Jahren einen einflussreichen Teil der Bevölkerung.

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Palastwachen und Grenzwächter

Großfürst Vytautas, legendärer Gründer des ersten litauischen Großreiches, das sich um 1420 bis weit in den Süden und Osten der heutigen Ukraine ausdehnte, holte um 1400 bereits rund 400 Familien turksprachiger Karaimen von der Krim nach Trakai, der alten Hauptsstadt Litauens. Dort bildeten sie die Burgwachen des Fürsten. Die Karaimen sind allerdings keine Muslime, sondern Anhänger einer Religion, die die Thora als Basis nimmt, der jüdischen Religion nahe steht, ohne jedoch den Talmud anzuerkennen. Die ersten Muslime als geschlossene Gruppe werden im alten Litauen um 1238/39 als Folge der ersten Kontakte zwischen litauischen Fürsten und der Goldenen Horde vermutet.[1] Weitere Zuzüge folgten im 14. bis 16. Jahrhundert. Gemäß ihrer eigenen Legenden sind die Litauer Tataren Nachfahren der Nogayer und Krimtataren, die 1397 als Gefangene massenhaft in der Gegend um Vilnius und in der Region Grodno (heute in Belarus) angesiedelt wurden. Tokhtamysh, der berühmte Khan der Goldenen Horde floh nach der Niederlage gegen Tamerlan / Timur Lenk mit tausenden seiner Krieger ein Jahr später in die gleiche Gegend. Tokhtamysh wurde so der Herr über die heutige Stadt Lida in Belarussland.

Bereits im 17. Jahrhundert waren die Nachkommen dieser turk-tatarischen Zuwanderer sprachlich an ihre slawophone Umgebung assimiliert. Da die Kindererziehung in den Händen der Frauen lag und die tatarischen Krieger mangels tatarischer Frauen einheimische Slawinnen und Baltinnen heirateten, ergab sich eine spezifische Litauisch-Tatarische Familiensituation. Gesprochen wurde belarussisch, die Religion war der Islam und die Nachnahmen wurden von den ortsansässigen Frauen übernommen. Die heutigen Nachfahren dieser Tataren sprechen allerdings litauisch. Dr. Adas Jakubauskas, Vorsitzender der Union der tatarischen Gemeinden Litauens, betont jedoch, dass für die Identität der Gemeinden ausschlaggebend die islamische Religion sei, egal welcher Sprache man mächtig sei. Weitere Momente der tatarischen Ethnizität seien die besondere kulturelle Entwicklung der Litauer Tataren, die sie mit den Tataren Polens und Weißrusslands teilen, nämlich sich in relativer Isoliertheit durch die Jahrhunderte hindurch entwickelt zu haben und ihre erstaunliche Resistenz gegenüber Christianisierungsdruck zwischen (griechisch-)katholischem und russisch-orthodoxem Christentum. Dies habe auch viel mit der traditionellen Toleranz zu tun, die – zumindest in Polen und Litauen – Andersgläubigen auch heute noch entgegengebracht wird. Da die Tataren mit an der Wiege des litauischen Staates standen, sind sie heute ein geachteter Teil der Gesellschaft: Vor einigen Wochen wurde eine erste Dauerausstellung über die Tataren Litauens im nationalen Symbol der Litauischen Geschichte eröffnet, in der Burganlage von Trakai, dem ersten Regierungssitz des Großfürsten Vytautas.

Die zweite Säule der muslimischen Community in Litauen bilden die Kazan-Tataren. Dies sind Tataren, die vor 70 Jahren, noch während oder kurz nach dem zweiten Weltkrieg als Industrie- und Hafenarbeiter nach Litauen kamen. Sie kamen aus dem Wolga-Ural-Gebiet, wo die heutigen Turkrepubliken Tatarstan und Baschkirien liegen Die stärkste Gemeinde hat sich in Litauen in der Hafenstadt Klaipeda an der Ostsee etabliert. Fliur Sharipov, Ingenieur und ehrenamtlich der Vorsitzende des tatarischen Gemeindeverbandes „NÛR“ [Licht] von Klaipeda, ist stolz auf das erreichte: Nachdem in der Nachwendezeit ein Einbruch in der kulturellen und religiösen Tätigkeit der Tataren von Klaipeda zu verzeichnen war, konnte 2006 schon der zweite Tag der tatarischen Kultur gefeiert werden, mit mehr als 500 Gästen.

Besonders stolz ist Sharipov auf seinen Sohn Timur und die Kriegsveteranin Rawilija Amiri. Timur und Rawilija waren als Delegierte beim Weltkongress der Tataren in Tatarstans Hauptstadt Kazan. Rawilija wurde als einzige Tatarin Litauens für ihre Verdienste im II. Weltkrieg geehrt, Timur war Leiter der litauischen Jugenddelegation zum Weltkongress. Von der Stadtverwaltung Klaipedas wird ihnen Raum zur Verfügung gestellt, den sie als Büro und Kulturzentrum nutzen. Vor allem die Frauen seien es, die aktiv für die Pflege des Glaubens und der Sprache engagiert sind.

Islamische Gemeinde im Umbruch

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion seien gut ein Drittel der Tataren Litauens emigriert. Auswanderungsziele waren vor allem Großbritannien, Irland und die USA, Auswanderungsgründe meißt ökonomischer Natur. Jakubauskas zeigt Verständnis für die Emigration, ist doch auch sein Großvater im Exil begraben: Er war jahrelang der Imam der tatarischen Moschee in New York. Jakubauskas ist aber auch besorgt um die Lage der Gemeinde, vor allem um die demographische Entwicklung. Waren es 1989 noch 5100 Muslime in Litauen, exklusive Migranten, so wurden vier Jahre später nur noch 3500 gezählt. Mittlerweile hat sich die Zahl der praktizierenden Muslime wieder zwischen fünf und sechs Tausend stabilisiert. Jedoch ist die Gefahr nicht gebannt, dass sich die jungen Menschen an die litauische Mehrheitsgesellschaft assimilieren, so Jakubauskas. Xenophobie und Rassismus seien in Litauen keine Themen, die für die Muslime relevant wären. Vor der Unabhängigkeit sei die Lage allerdings dramatisch gewesen, was aber nicht nur Muslime sondern alle religiösen Menschen betraf: islamische Gotteshäuser waren geschlossen, zahlreiche Friedhöfe wurden bis in die siebziger Jahre hinein zerstört[2].

Nach der Wende wurden zwei Jugendliche zu einer islamischen Hochschulausbildung ins Ausland geschickt, die exzellent ausgebildet wurden und auch zur Zeit werden zwei Studenten auf ein Auslandsstudium vorbereitet. Für diese Ausbildung zwei neue Studenten zu finden, war nicht leicht, da auch sehr gut ausgebildete islamische Geistliche keine Anstellung finden. Vom Staat werden islamische Institutionen nicht gefördert und bei der geringen Mitgliederzahl ist eine Finanzierung von vollen Stellen durch die Gemeinde noch zu kostspielig. Hohe Motivation, ein jahrelanges – und selbstfinanziertes – Studium in der Türkei oder einem arabischen Land zu beginnen, sei in dieser Situation und mit diesen Zukunftsaussichten eben nicht oft zu finden.

Konsolidierung mit Europa

Erste Schritte zur Verbesserung der Zukunftsaussichten und einen damit verbundenen Motivationsschub erhoffen sich intellektuelle Aktivistinnen von einer Umstrukturierung der islamischen Gemeinde in Litauen. Jakubauskas steht heute einer Union von tatarischen Vereinen vor, in der die stärksten Gemeinden aus Vilnius, Kaunas und weiteren Städten zusammen gefasst sind. Ein modernes Netzwerk wurde geschaffen und die Mitgliederzahl soll bis zum nächsten Jahr verdoppelt werden. Ab dem nächsten Jahr sollen dann staatliche Finanzmittel und EU-Fördermittel beantragt werden. Dabei hilft nicht zuletzt die Erfahrung von Adas Jakubauskas bei seiner Arbeit im litauischen Parlament, dem Sejmas.

Viel Kraft wird die Restaurierung und Instandhaltung der islamischen Friedhöfen und vier Moscheen kosten, so Adas Jakubauskas. Die schönste Moschee steht in Kaunas den Gläubigen zur Verfügung, aber auch an Orten mit traditionell muslimischer Bevölkerung gibt es noch typische Holzmoscheen. Diese befinden sich in den Dörfern Nemėžis, Keturiasdešimt Totorių (Vierzig Tataren) und Raižiai und bedürfen ebenfalls der Pflege. Im Jahre 1914 wurde für eine große Freitagsmoschee in Vilnius gesammelt, zum Bau kam es nach Ausbruch des I. Weltkrieges dann nicht mehr. Doch die Baupläne seien nun wieder entdeckt wurden und es sei geplant, den Bau der Hauptmoschee der Muslime Litauens nun in Angriff zu nehmen – nach den Plänen aus de, letzten Jahrhundert…

Die Zeitschrift „Lietuvos Totoriai“ (Litauer Tataren), die monatlich erscheint, erfüllt wie die oben erwähnte Union der tatarischen Vereine eine Netzwerkfunktion und soll die Stärkung der Identität der Gemeinschaft dienen. Da sich die Tataren Litauens vor allem über ihre Religion definieren, machen auch religiöse Themen den Hauptteil der Beiträge aus. Die Zeitschrift ist ein Gemeinschaftsprojekt aller tatarischen Gemeinden – der alteingesessenen Litauer Tataren sowie der in den letzten 70 Jahren zugewanderten Kazan-Tataren, die vor allem im Norden der Republik leben. Aber auch Muslime aus Estland, der Russländischen Föderation oder Deutschland finden in dieser Zeitung ein Forum. Muslimische Flüchtlinge und Migranten partizipieren ebenfalls an den Aktivitäten der Tataren, haben jedoch ihre eigenen Zusammenhänge, in denen sie sich bewegen.

Im nächsten Jahr soll ein Baltikum-weites tatarisches Fest veranstaltet werden, auch Muslime aus Deutschland sowie Bulgarien und Rumänien werden eingeladen. Die EU-Erweiterung machts möglich…

Aus: izlogo.gif , Berlin, 21. September 2006.

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Im Internet:

Zeitschrift der Litauer Tataren: http://www.tbn.lt/lt/?id=8&item=43

Homepage Litauer Tataren: http://www.gaumina.lt/totoriai/english/

Homepage der Muslime Litauens: http://www.musulmonai.lt/



[1] Miškinienė, Galina: Seniausi Lietuvos Totorių Rankraščiai [Alte Handschriften Litauer Tataren], Vilnius, 2001.

[2] Die Friedhöfe z.B. von Ludwinowo, Kazakları, Merešlenie, Vilnius, Kaunas und Raižiai wurden zerstört. Allein Raižiai hatte 14 Friedhöfe. In “Keturiasdešimt Totorių” (Vierzig Tataren) gibt es sechs Friedhöfe.

20. September 2006, Neue Zürcher Zeitung

Das Erbe der Krimtataren als völkerverbindendes Element der Ukraine

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Stalin fast alle Krimtataren nach Zentralasien zwangsumsiedeln lassen. Rund eine Viertelmillion sind nach dem Ende der Sowjetunion zurückgekehrt und haben unter schwierigen Umständen eine neue Existenz aufgebaut. Mittlerweile zeichnet sich eine Renaissance der krimtatarischen Kultur ab.

Als Tag der Befreiung von der Nazi-Okkupation behalten die meisten Bewohner der Krim den 12. Mai 1944 in bester Erinnerung. Wenn Pakize Kamischewa jedoch an diese Zeit denkt, dann verfinstern sich die Gesichtszüge der 68-jährigen Krimtatarin aus dem Dorf Sewastianowka. Schon am darauffolgenden Tag war die elfköpfige Familie frühmorgens von Rotarmisten aus ihrem Haus getrieben und zu einer zentralen Sammelstelle transportiert worden. «Man hatte uns als Volksfeinde beschimpft und dann in Eisenbahnwaggons gepfercht, erst im Ural war die lange Reise zu Ende», erinnert sich die Frau, die mit den überlebenden Familienangehörigen bald darauf in die usbekische Stadt Taschkent weiterdeportiert wurde.

Sie zählen zu den rund 200 000 Krimtataren, die Stalin in nur drei Tagen von ihrer angestammten Heimat überwiegend nach Zentralasien verbannen liess. Angehörige der bulgarischen, griechischen, armenischen und deutschen Minderheiten auf der Halbinsel teilten dieses Schicksal, da der Diktator auch ihnen die Kollaboration mit der Wehrmacht unterstellt hatte. Während der Periode des «Sürgün» – so der krimtatarische Begriff für die Verbannung – hat Pakize Kamischewa immer wieder von ihrem Heimatdorf, den kargen Hügeln, den Gipfeln des Urman-Ustu und der Schwarzmeerküste geträumt, aber erst fünfzig Jahre danach ging der Wunsch nach der «Avdet» genannten Rückkehr in Erfüllung.

Zu Beginn der Perestroika hatte Michail Gorbatschew die Deportationen als Unrecht gebrandmarkt und den Verbannten für die Rückkehr in ihre Heimat finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt. Obwohl die seit 1991 unabhängige Ukraine keine Unterstützung mehr gewährte, ist die Zahl der Krimtataren auf der Halbinsel auf über eine Viertelmillion angestiegen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung, die zu fast 60 Prozent aus Russen besteht, liegt heute bei 16 Prozent.

Böse Überraschungen

Wie die meisten Rückkehrer erlebte auch Pakize Kamischewa bei ihrer Ankunft böse Überraschungen. Der ehemalige Familienbesitz war neu verteilt worden. Aus Enttäuschung wurde Wut, und so besetzten die Unerwünschten immer wieder freies Gelände. Militär und Polizei griffen ein, um der Besetzung gewaltsam ein Ende zu bereiten. Mittlerweile gibt es auf der Halbinsel 56 Ortschaften, die mehrheitlich von Krimtataren bewohnt werden. Die Ortschaft Sewastianowka liegt im Zentrum der Halbinsel, sie zählt 145 überwiegend tatarische Familien, die vor allem von der Landwirtschaft und Gelegenheitsjobs leben. Waren sich Neuankömmlinge und ansässige Russischstämmige anfangs aus dem Weg gegangen, pflegt man nun freundliche Nachbarschaftsbeziehungen. Angesichts der Alltagsprobleme, etwa der mangelnden Wasserversorgung, hat man sich zusammengeschlossen.

Hilfe erhalten die Menschen durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP). Damit will die Organisation auf der Krim «die Eigeninitiative fördern und über die Zusammenarbeit verschiedener ethnischer Gruppen die Integration der ehemals Deportierten unterstützen», bekräftigt UNDP-Vertreter Sascha Graumann. Den eigenen Wasseranschluss betrachten die Bewohner von Sewastianowka als grösste Gemeinschaftsleistung, bei den nötigen Vorarbeiten hatte die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) eine Schlüsselrolle übernommen. Ferner hat sich die Schweiz in den Siedlungen um den Aufbau medizinischer Versorgungsstützpunkte verdient gemacht.

Obwohl bei den Krimtataren die Arbeitslosigkeit am stärksten ausgeprägt ist, beginnen sich die Lebensverhältnisse zu normalisieren. Immer mehr Krimtataren, die ihre Herkunft von der Mitte des 13. Jahrhunderts auf der Halbinsel eingewanderten Goldenen Horde ableiten, besinnen sich auf ihre reiche Kultur. Nach der Befreiung der Krim waren ihre kulturellen Zeugnisse zum grössten Teil vernichtet worden. Moscheen und Theater wurden geschlossen und abgerissen, der Inhalt ganzer Bibliotheken geplündert.

Heute zeichnet sich eine Renaissance der krimtatarischen Kultur ab. Zu den drei eigenen Bühnen zählen das krimtatarische Nationaltheater, das sich in Simferopol sinnigerweise im ehemaligen KGB-Gebäude befindet, sowie ein Kindertheater. An der Taurida-Universität bietet die Abteilung für orientalische Sprachen auch Veranstaltungen in Krimtatarisch an. Lehrbücher für das zu den Turksprachen zählende Idiom, das auf der Krim in 16 staatlichen Schulen unterrichtet wird, erarbeitet die Abteilung für krimtatarische und türkische Philologie an der Universität für Ingenieurwissenschaften und Pädagogik.

Einen leichten Stand hat die Sprache der Krimtataren dennoch nicht: «Es gibt zu wenig Lehrer, und bei den Jungen ist die russische Sprache schon stärker verwurzelt als das Krimtatarische», bekräftigt Mieste Hotopp-Riecke, Mitarbeiter am Institut für Turkologie der Freien Universität Berlin. Die Sprachförderung betrachtet der Medschlis – so heisst die grosse Versammlung aller Krimtataren, die offiziell allerdings nicht anerkannt ist und keine politische Funktion besitzt – als Hauptaufgabe. Ohne materielle und finanzielle Ressourcen von türkisch-nationalistischen Kreisen ist der Medschlis auf Dauer allerdings kaum handlungsfähig.

Der Sitz dieses «Parlaments» liegt in der 90 000 Einwohner zählenden Stadt Bachtschissarai, einst Sitz der Khane. Jeder der 48 Herrscher hatte versucht, seinen Vorgänger zu übertrumpfen und den Komplex mit noch prächtigeren Moscheen, Innenhöfen und Gärten zu schmücken. Als der russische Generalfeldmarschall Christoph Minich 1736 die Krim eroberte, entfachten seine Truppen eine Orgie der Gewalt, brandschatzten die meisten Gebäude und verwüsteten die Gärten.

Puschkins Liebesgedicht

Während der Rekonstruktionsperiode hielt man sich nur bedingt an das Original und veränderte das Ensemble, indem vor jedem Zarbesuch neue Gebäude, die an europäische Stile angelehnt waren, hinzugebaut wurden. Dass Bachtschissarai im 19. Jahrhundert im ganzen Zarenreich populär wurde, ist ausgerechnet einem Russen zu verdanken: Alexander Puschkin widmete dem «Brunnen der Tränen», der an eine tragische Liebesbeziehung zwischen einem Khan und einer dort gefangenen polnischen Fürstin erinnert, eines seiner stärksten Gedichte: «Ich liebe dein ewiges Murmeln und deine poetischen Tränen», schrieb Puschkin 1824 in der «Fontäne von Bachtschissarai», fasziniert von dem Meisterwerk.

Hinter den Mauern des Palastbezirks werden in mehreren Museen Kunst, Waffen und archäologische Fundstücke ausgestellt. Denkmalschutzexperten restaurieren Wandgemälde, Buntglasfenster und die Musharabie genannten geschnitzten Holzgitter. Traditionelle Kostüme, Schmuck und Haushaltsgegenstände belegen das hohe Niveau der krimtatarischen Handwerkskunst. Dass der Khanspalast von allen Bevölkerungsgruppen der autonomen Krimrepublik, ja der gesamten Ukraine, als verbindendes Symbol empfunden wird, lässt sich nicht mehr bestreiten. Und deshalb hat die Ukraine jüngst dem Pariser Welterbe-Komitee vorgeschlagen, die Stätte auf die Unesco-Welterbeliste zu nehmen.

Thomas Veser

Altmärker Restepfanne ?

Im thüringischen Exil zwischen 1984 und 1986 hielt mich oft nur das Wurstpaket von zu Haus am leben hausgeschlachtetes aus Letzlingen, wo meine Großeltern leb(t)en: Rotwurst, Leberwurst, Kümmelschlacki, Kopfsülze, Knacker… Wenn diese Köstlichkeiten zur Neige gingen wurden alle Reste kleingeschnippelt, mit Kartoffeln und Ei gebraten, fertig war die Altmärkische Restepfanne, dazu ein gutes Rosen-Pils aus der Pößnecker Brauerei…

Nicht nur die Wurst aus unserer Heimat bleibt in Erinnerung, auch die Gedichte und Geschichten, Anekdoten und Gerüchte. So werdet Ihr hier Mosaiksteine aus meiner altmärkischen Vergangenheit lesen können, Stück für Stück…

Viel Spaß!

Abenteuer-Urlaub 2008 Ukraine

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1 Lilli und Rosa am Schwarzen Meer bei Saki

2 Vor dem Woronzow-Palast in Liwadija

3 Abendbrot in einem tatarischen Restaurant

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