Auf den Spuren von Kumanen und Tataren.
Eingeladen zur 51. Zusammenkunft der PIAC[1] nutzte ich diese meine erste Gelegenheit Rumänien zu besuchen dazu, auch die Tataren der Dobrudscha kennen zu lernen. Bereits in Bukarest wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Prof. Dr. Kîyaseddin Uteu, den ich bereits auf dem Matem günü in Aqmescit kennenlernte, ist der Vorsitzende der Bukarester Filiale der Demokratischen Union der muslimischen Tatar-Türken Rumäniens (UDTTMR)[2], des offiziellen Selbstvertretungsorgans der rumänischen Tataren. Die UDTTMR mit ihren Filialen kümmert sich jedoch nicht nur um Politik, sondern das ganze Spektrum sozialer und kultureller Belange ihrer Mitglieder wird versucht abzudecken. Dies betrifft Freizeit, Musik[3], Bildung und Literatur gleichermaßen. Mit Prof. Uteu und einigen Mitgliedern des Bukarester Vereins konnte ich den verregneten Nachmittag verbringen, erfuhr Neuigkeiten aus dem Gemeindeleben und wurde schließlich zum Busbahnhof begleitet, von wo mich ein Linienbus in die Dobrudscha bringen sollte.
Die Busfahrt führte durch fruchtbare Ebenen und querte vor Medschidiye die Donau. Wir passierten Orte, die mich immer wieder an die turko-tatarische Vergangenheit, an osmanisches Erbe und wechselnde Kulturen erinnerten. Ortsnamen wie Basarabi, Comana, Babadağ, Tschukurova und Petschinega lösen in einem Turkologen viele Assoziationen aus. Seit Jahrtausenden ist diese Gegend Durchzugs- oder Siedlungsgebiet verschiedenster Völker gewesen. Die Bolgar-Tataren, Petscheken, Kumanen, Slawen, Osmanen und Romanen prägten diese Gegend. Und auch als ich Murfatlar durchfuhr kam ein weiteres Aha! Der gute Wein aus Murfatlar verwöhnte einst den Gaumen aller Kenner im Ostblock, doch wußte ich früher nicht, daß es ein tatarisches Städtchen ist, welches dem Wein seinen Namen gab, der wohl von türkisch-tatarisch Murvet für „Freigiebiger wohlwollender Mann“ kommt.[4] Die Weinkeller von Murfatlar wurden bereits vom römischen Dichter Ovid (43 v. Chr. bis 8 n. Chr.) erwähnt, den Namen Murfatlar bekam das Städtchen erst im letzten Jahr wieder – per Beschluss des Nationalparlamentes.
Im quirligen Constanta/Köstence angelangt suchte ich den Weg nach Mamaia, wo das Hotel „Aurora“ des tatarischen Geschäftsmannes Agiacai (sprich: Adschi Akai) Saladin zu finden ist[5]. Er ist der Präsident der UDTTMR. Abertausende Touristen flanierten die Küstenstrasse entlang, Hauptsaison. Nach einer unruhigen Nacht traf ich dann endlich die Mitglieder der örtlichen Gemeinde, konnte Verlag und Redaktion von Caş [Die Jugend][6], Kadınlar Dünyası [Welt der Frauen] und Karadeniz [Schwarzes Meer] besichtigen. Durch Zuschüsse aus dem Staatshaushalt können diese tatarischen Publikationen erscheinen, aber auch durch Sponsoren wie Agiacai aga. Das Prozedere für die Veröffentlichung von eigenen Büchern ist nach wie vor sehr langwierig und bürokratisch; es kann aber über beliebige Themen und in jeder Sprache publiziert werden. Minderheitenschutz und Förderung nationaler Minderheiten ist eine der positiven Seiten der neuen Zeit. Es gibt etliche einzelgesetzliche Bestimmungen außerhalb der Verfassung, die den Minderheitenschutz in Rumänien garantieren.
Diese sind etwa die Bereiche Schul- und Bildungswesen, Sprachgebrauch, Namensrecht, topografischen Beschreibungen, Kulturwahrung und -pflege, politische Mitwirkung, staatliche Förderung und Organisationsrecht. Wofür die Tataren auf der Krim noch kämpfen, ist hier Normalität. Und doch gibt es Wermuthstropfen trotz der positiven Rahmenbedingungen: Zur Zeit gibt es keine tatarische Fakultät an einer rumänischen Universität, muttersprachlicher unterricht wird nur in Sonntagsschulen und ab diesem Schuljahr erstmals an Grundschulen angeboten. Auch die zahlenmäßige Schwäche der Community und Abwanderung in die Türkei sind problematisch, manch junge Tataren lernen lieber Turkisch als sich mit der Sprache der Eltern zu beschäftigen: In der Wirtschaft kommt man so weiter…
Bei einem Tee-Treffen mit Aledin Amet, dem frisch gewählten tatarischen Abgeordneten des Nationalparlamentes und Nihat Osman, dem Chefredakteur von Kara Deñiz[7] konnte ich mit vielen interessanten Menschen sprechen, meißt mit Senioren, denn zum Schachspiel am Sonntag vormittag kommen traditionell nur die älteren Semester der Gemeinde. In Köstence leben circa 3300 Tataren, in ganz Rumänien um die 23.000. Daneben leben 27.000 Türken und 2500 Gagausen in im Lande, zumeißt ebenfalls in der Dobrudscha.
Interessant waren die Gespräche mit den alten Herren der Gemeinde aber allemal. Themen waren die Wehrmacht, der II. Weltkrieg, Geschichte, Auswanderung und immer wieder die Befürchtung, in ein zwei Genrationen könne die tatarische Kultur der Dobrudscha erlöschen. In der Rückschau auf die Zeit der deutschen Besatzung bleibt man betont neutral bis deutschfreundlich, da die Tataren unter Russen und Sowjets eben mehr zu leiden hatten als unter Rumänen oder Deutschen… Am 5. September 1940 putschte sich General Antonescu mit der „Eisernen Garde“, seiner faschistisch ausgerichteten Kaderorganisation, an die Macht. Carol II. verließ das Land. Rumänien schloss mit Hitler einen Beistandspakt ab. Deutsche Truppen durften als „Schutzmacht” gegen die Sowjets in Rumänien einrücken.
Auch um die eigene Selbstsicht wird nach wie vor gestritten, über die eigene Ethnizität diskutiert. Keineswegs unumstritten ist das starke Engagement der Türken in der Dobrudscha. So bekam in der Vergangenheit nur der materielle Unterstützung bei Projekten, der sich auch als Türke zu bezeichnen bereit war. Für Leute, die sich strikt als Tataren bezeichnen gibt es schon mal nur den Wink zur Tür… Das Miteinander ist jedoch im Allgemeinen recht unkompliziert; Türken und Tataren leben ja schon Jahrhunderte zusammen in dieser Region – auch mit Deutschen.
Leider schaffte ich es nicht mehr, auch die deutsche Gemeinde zu besuchen, ist die Dobrudscha doch auch seit fast 200 Jahren die Heimat von Nachfahren sächsischer und schwäbischer Siedler[8]. Ihre Gemeinde zählt in Köstence jedoch nurmehr einige dutzend Personen.
Durch die Altstadt, die Moschee von und die Hauptmoschee „Carol I.“ führte mich dann unter anderen Adschi Akai aga. Spannend waren die Geschichten um die Geschichte der Carol-Moschee. Benannt ist sie nach dem ersten König Rumäniens, Karl I., einem gebürtigen Hohenzollernprinz aus Baden-Würtemberg[9]. Er soll seinen Untertanen, Christen wie Muslimen gleichermaßen sehr zugetan gewesen sein. Der ausgewogenen Religionspolitik Karls I. ist auch der Bau der Moschee von Constanta zu verdanken und ihm zu Ehren heißt sie Moschee Carol I. Auch im Carol I. Park in Bukarest wurde 1906 eine Moschee errichtet. In der Carol-Moschee von Constanta ist der zu große Teppich auffällig. Dieser riesige Gebetsteppich stammt von der Moschee auf Ada Kaleh [Inselburg], zeitweilig auch Caroline-Insel oder Neu-Orschowa genannt. Dies war eine Insel in der Donau, eine osmanische Enklave mitten auf dem Balkan, die ab 1968 dem Bau eines rumänisch-jugoslawischen Staudammes am Eisernen Tor geopfert wurde und 1971 in der Donau versank. Die Bewohner waren nach wie vor aber Türken. Der dortige von Carol I. gestiftete Moscheeteppich wurde unter großen Mühen nach Konstanta gebracht und liegt dort nun in der für ihn zu kleinen aber sehr symbolträchtigen Carol-Moschee. Die Frau von Carol I., Königin Elisabeth – genannt Carmen Sylva – stiftete in der Süd-Dobrudscha, in Baltschik, eine Moschee und war als Literatin sehr bekannt, übersetzte unter anderem Pierre Lotis Pêcheur d’Islande [Die Islandfischer] 1885 ins Rumänische[10].
Ein trauriges Wiedersehen gab es mit den Gemeindemitgliedern nach meiner Rückkehr in Bukarest. Zusammen mit Prof. Bozkurt, Dr. Oral aus Antalya und Abdullah Gülloğlu aus Berlin waren wir zur Miraj-gecesi geladen. Diese Nacht der Himmelsfahrt des Propheten wurde traditionell mit Gebeten und Gesängen in Bukarests ältester Moschee in der Constantin-Mănescu-Strasse begangen, einem Teils noch aus Holz errichteten Bau. Jedoch hatten die alten Bekannten von Fuat Bozkurt, die wir treffen wollten, gerade einen Trauerfall zu beklagen. Ihre Tochter Melek Amet war an einer unheilbaren Krankheit gestorben. So kondolierten wir, wünschten noch einen besinnlichen Festtag und verabschiedeten uns wieder…
Für die Herzlichkeit und Offenheit sei hier noch einmal mal allen in Constanta und Bukarest gedankt, gern komme ich wieder…
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1 Mit Prof. Kiyasettin Uteu in der Vereinsfiliale Bukarest
2 Blick von der KarlsMoschee Konstanta
3 Im Verein von Konstanta
[1] Siehe dazu unseren Wissenschaftsteil Scienca Tataricae
[2] Uniunea Democrată a Tătarilor Turco-Musulmani din România
[3] Populärmusik: www.tatarmix.ro Folklore: http://yildizlar.3x.ro/
[4] Auch auf der Krim gibt es eine beliebte Rebsorte Murvet. „Mürüvvet/Mürvet“ kam aus dem Arabischen in die Turksprachen.
[5] http://www.hotelaurora.ro/
[6] Die Jugendorganisation hat auch einen eigenen Chat: http://groups.yahoo.com/group/caslar/
[7] Herzlichen Dank an Familie Resuloğlu in München für die Vermittlung des Kontaktes zu ihren Verwandten in Köstence.
[8] Zu deutsch-tatarischer Vergangenheit der Dobrudscha siehe „Kindheit in der Dobrudscha“ von Lydia Bergen, Erinnerungen an ihr protestantisches Heimatdorf Atmadscha [Habicht/Sperber] und “Deutsche Kindheit in der Dobrudscha“ von M Monika Niermann, deren Vorfahren aus dem wichtigsten katholischen Ort Karamurat [Schwarzer Murat] stammen (Elwert Verlag Marburg 1996).
[9] Karl Eitel Friedrich Zephyrinus Ludwig von Hohenzollern-Sigmaringen, ab 1866 Carol I. Fürst zu und König von Rumänien, (* 20. April 1839, Sigmaringen; † 10. Oktober 1914, Schloss Peleş in Sinaia)
[10] Prinzessin Elisabeth Pauline Ottilie Luise zu Wied (* 29. Dezember 1843, Schloss Monrepos bei Neuwied am Rhein; † 2. März 1916 in Bukarest).
Als Artikel erschienen in Altabash Nr. 9/48 (Sep.2008) unter: altabash.tk