Radio Azadlıq: Nichts für Štramberger Ohren.
Geleitet von sonnigem mildem Frühlingswind suchten wir Erholung und Ausgleich in der Goldenen Stadt an der Moldau. Nach anstrengenden Wochen ein lohnendes Ziel für die Seele wie für den Gaumen: Prag.
Natürlich ließ mich auch hier mein Entdeckungsdrang nicht ganz zur Ruhe kommen: Tataren gibt es wohl auf jedem Flecken Erde. Und richtig: Schaut man zurück in die Geschichte finden sich etliche interessante Punkte, die ich unseren Lesern nicht vorenthalten möchte. Erste Begegnungen zwischen einheimischen Slawen und Deutschen sowie Turko-tatarischen Völkern gab es auf dem Boden Böhmens und Mährens bereits im Mittelalter. Dies waren Petscheneken, die als Alliierte der ungarischen Könige gegen tschechisch-böhmisch Expansionsbestrebungen kämpften. Immer wieder dienten auch kumanische Stammesverbände (Kıpçaken) in den Heeren der Magyaren. So wehrten sie gemeinsam mit ungarischen Armeen über die Jahrhunderte eine Eroberung der Slowakei durch böhmische Truppen ab (unter Ottokar II. Přemysl 1260, unter Wenzel II. 1300-06 bzw. Wenzel III., die Hussiten 1427-34).
Mehr als Durchzüge muslimischer Kämpfer (türkische Angriffe auf Österreich und Wien im 16. Jahrhundert) erlebte das tschechische Kernland im Gegensatz zur teilweise osmanisch besetzten Slowakei jedoch nie. Im Dreißigjährigen Krieg dann eilte der ungarisch-siebenbürgische Fürst Gábor Bethlen mit türkisch-tatarischen Hilfstruppen den tschechischen Protestanten zu Hilfe, kam aber nur bis Mikulov. Zuletzt durchzogen im 18. Jahrhundert während der Schlesischen Kriegeund des Bayerischen Erbfolgekrieges auch Tatarenregimenter, die legendären „Volontaires de Saxe“ und „bosniakische Lanzenreiter„ Böhmen und Schlesien. Dabei kämpften diese sowohl auf Seiten der Preußen als auch seiner Gegner und der Begriff „Bosniaken“ ist mehr als ein terminus technicus zu verstehen, ähnlich wie Dragoner, Husar oder Kavallerie. Ethnisch waren viele dieser „Bosniaken“ Krimtataren bzw. Litauer Tataren. 1912 war in Österreich (Böhmen und Mähren) und 1916 in Ungarn und der Slowakei der Islam als Religionsgemeinschaft staatlicherseits anerkannt worden. Nach der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei kamen in den 1920er Jahren mit anderen Russland-Muslimen auch tatarische Bürgerkriegsflüchtlinge in das Land an der Moldau.
In Prag wurde 1934 die erste Muslimische Religionsgemeinde für die Tschechoslowakei (Moslimské náboženské obce pro Československo) offiziell angemeldet und 1935 der Bau einer Moschee in der Hauptstadt beantragt. Seit 1937 wurde eine muslimische Zeitschrift herausgegeben und 1938 weitere muslimische Gesellschaften in Mähren (Brno/Brünn) und der Slowakei (Bratislava/Preßburg) errichtet. Krieg und spätere religionsfeindliche „volksdemokratische“ Herrschaft verhinderten jedoch eine weitere Entwicklung der islamischen Gemeinden.
Radio für ein freies Europa
Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus wurde ein neues Kapitel tatarisch-tschechischer Beziehungen aufgeschlagen. Mit den zahlreichen russischen und ukrainischen Migranten kamen auch wieder Tataren in die Slowakei und nach Tschechien. Heute leben einige hundert Tataren allein in Prag. Mit dem Umzug der Zentrale von Radio Free Europe / Radio Liberty (RFE/RL) von München nach Prag kam nicht nur der ehemalige amerikanische Sender des Klassenfeindes in die Stadt, sondern auch gleich ein paar Arbeitsplätze für tatarische Journalisten. Im ehemaligen Regierungsgebäude der ČSSR arbeiten nun ständig fünf bis sieben tatarische und baschkirische Journalisten. Dies sind zur Zeit Ali Gilmi, Metin Karışmaz, Alsu Kurmasheva, Naif Aqmal sowie der Redaktionsleiter Rim Gilfanov. Für die tägliche Sendung werden internationale Berichte, Reportagen und Nachrichten in eine Stunde auf tatarischer Sprache gepackt und gesendet. Leider lief die Sendelizenz für eine gute UKW-Frequenz in Tatarstan aus, Verhandlungen für eine neue Genehmigung noch nicht abgeschlossen. So kann momentan nur eine 20-minütige Zusammenfassung gesendet über Sendemasten in Tatarstan gesendet werden.
Waren in den Jahrzehnten vor der `Wende` die Fronten des Kalten Krieges maßgebend für die Arbeit der Redakteure und Hauptgeldgeber die CIA, sind heute die Verbreitung objektiver Nachrichten unter Einhaltung des Kodexes für professionellen Journalismus und die Finanzierung durch den Washingtoner Congress die Rahmenbedingungen für Journalisten bei Radio Free Europe. An die Stelle der antikommunistischen Ideologen des „Nationalkomitees für ein freies Europa“ und des „Amerikanischen Komitees für die Befreiung der Völker Russlands“ – beides die Gründungsgesellschaften von RFE und RL – traten professionelle Medien- und Meinungsmacher. Verantwortlich zeichnet für die Arbeit von RFE/RL heute ein Herausgebergremium – das Broadcasting Board of Governors , dem auch prominente Politiker wie Condoleeza Rice angehören. Seit einem Monat ist Jeffrey Gedmin der neue Präsident der über 550 MitarbeiterInnen von Radio Free Europe / Radio Liberty. Der ehemalige Direktor des „Aspen Institute Berlin“ – einem US-amerikanischen Think-tank – ist als häufiger Gast in deutschen Talk-Runden hervor getreten. In der Diskussion über den Irakkrieg im Jahre 2003 warb er sehr engagiert um Verständnis für den amerikanischen Standpunkt, kritisierte in einem Atemzug aber auch die Politik der gegenwärtigen US-Administration.
In einer Zeit, in der die Pressefreiheit immer mehr in den Griff von „gelenkter Demokratie“ gerät, ist die Arbeit der Journalisten in Prag und in den dutzenden Außenstellen eine wichtige neutrale Stimme der Information geworden. Entsprechend schwierig ist die Arbeit der Redaktionen etwa in den Bereichen Belarus, Usbekistan aber auch der Rußländischen Föderation und Tatarstan. Der tatarische Präsident Mintimer Schaimiyev lobte die Redaktion von Radio Azatliq ebenfalls für ihren Einatz: „Radio Azatliq wirbt für demokratische Werte und verbreitet objektive Informationen, wie sie sonst in der Russländischen Föderation nicht zu bekommen sind!“ Mit viel Engagement und Durchhaltevermögen arbeiten so die Kollegen in Kasan und Baku, in Bishkek und Jerewan. Nicht allein die aktuellen Reportagen und Nachrichten für das jeweilige Land, sondern auch das Zusammenstellen von Bulletins über die entsprechende Zielregion gehört zu den Aufgaben der Redaktionen. Neben gedruckten Reports, Nachrichten und Reportagen, die in Washington archiviert werden, sind online „News and Features on Tatarstan and Bashkortostan“ abrufbar und es wurden auf englisch Tages- und Wochenschauen zusammengestellt. Viel Arbeit für das kleine Team um den Soziologen und Politologen Rim Gilfanov.
Wir bedanken uns hier noch einmal herzlich für den warmen Empfang und kommen gerne wieder.
Stramberger Ohren
Eine Spezialität der tschechischen Küche sind die Štramberske usi – die Stramberger Ohren, ein Süßgebäck, dass in seiner Form an abgeschnittene, zusammengeschrumpfte Ohren erinnern soll. Hier die Legende zu den unappetitliche Ohren: Das 1211 erstmals erwähnte Bergstädtchen Štramberk (deutsch Strahlenberg oder Stramberg) mit 3.380 Einwohnern (2004) befindet sich im Vorgebirge der Beskiden, wird auch „Mährisches Bethlehem“ genannt. Es wurde am 4. Dezember 1359 vom Sohn des tschechischen Königs Johann von Luxemburg, den mährischen Marktgrafen Johann Heinrich von Luxemburger, zur Stadt ernannt. Am 8. Mai 1241 (Himmelfahrtstag) besiegten die Christen der Stadt angeblich das tatarisch-mongolische Heer. Zur Erinnerung an die Opfer der Tataren, denen laut Volksmund die Ohren abgeschnitten worden waren, werden seit dieser Zeit die „Stramberger Ohren“ gebacken. Der Bürgermeister von Stramberg, Pavel Podolsky, erklärt: „Als sich die Stadt Stramberg im Jahr 1241 mit letzten Kräften gegen die Tataren verteidigte, half ihr ein Unwetter. Die Tataren wurden in die Flucht geschlagen. Zurück blieben nur die Säcke mit den Ohren, die die Tataren ihren Gegnern abgeschlagen haben. Und zum Andenken an diese Ereignisse bäckt man in Stramberg seit dieser Zeit dieses süße Gebäck“. Mittlerweile sind die Stramberger Ohren als erste regionale Spezialität aus Tschechien europaweit geschützt wie etwa Thüriger Bratwurst oder Schwarzwälder Schinken in Deutschland… Nun, so sagt Pavel Podolsky, stehe die zweite Etappe an, und das sei die europaweite Vermarktung.
Im Namen tatarische Geschichte
Doch nicht nur kulinarisches und militär-geschichtliches Material lassen Verbindungen zu tatarischer Vergangenheit zu. Auch Onomastiker (Namensforscher) hätten ihre Freude in Böhmen und Mähren. Namen bekannter Persönlichkeiten wie Milan Balabán, Theologieprofessor der Karls-Universität, des geschätzten Nationalschriftstellers und slowakischen Dissidenten Dominik Tatarka oder des Soziologen Miloš Balabán könnten auf eine tatarische Geschichte hindeuten. Wobei umstritten ist ob Balaban nun in jedem Falle im tatarischen Sinne „groß“ oder im ukrainischen Sinne von „Falke“ zu verstehen ist…
Während wir Prag besuchten, weilte der tschechische Präsident Vaclav Klaus in Tatarstan. Unter anderem eröffnete er das tschechisch-tatarische Business-Forum. Mintimer Schaimiyev bat auf einem Treffen der Staatsmänner um Unterstützung der tatarischen Community von Prag, bisher hätten sie nicht die Möglichkeit, sich in einem eigenen Kulturhaus zu treffen. Neben der virtuellen Plattform der Tataren Tschechiens im Internet wäre es schön, einen realen eigenen Platz für kulturelle Aktivitäten zu haben…
Tatarská Omáčka
Nach interessanten Ausflügen und herzlichen Begegnungen ließen wir den Abend in einem Restaurant von Prag-Satalice ausklingen. Und auch hier begegnete uns östliche Geschichte: Die Wirtin, die uns mit sehr deftigen Speisen bewirtete, kommt aus Dagestan und spricht unter anderem Nogay-tatarisch! Manchmal kann man solche Zufälle mit gar nichts anderem bezeichnen als mit dem Wörtchen kismet! Und auf keiner Karte eines Prager Restaurants fehlte Tatarská Omáčka – Tatarensauce. Nicht nur zu Americké brambory, Amerikanischen Kartoffeln, wird diese Soße kredenzt. Warum gerade diese Tatarensoße so beliebt zu sein scheint, werden wir an anderer Stelle berichten…

Quellen:
Jüptner, G.E.: Kurzgefaßte Geschichte Schlesiens zum Gebrauch für Stadt- und Landschulen, Schweidnitz: Ludwig Heege, 1840, S. 14.
Kuffner, Hanus: Tatari na Morave [Tataren in Mähren], Prag, 1926.
Poláškov, Jiřina & Jaromír: Z úst do úst: Pověsti ze Štramberku a okolí [Von Mund zu Mund: Sagen aus Stramberg und Umgebung]. Dobrá (ČR): Beatris, 2006, S. 5.
Vojkovský, Rotislav: Štramberk. Zbytky hradu ve stejnojmenném městě Nového Jičína [Stramberg. Reste der Burg an gleichnamigem Ort unweit von Nového Jičína]. Dobrá (ČR): Beatris, 2007, S. 2.
Im Internet: Tatarische Gemeinde: www.tatar.cz
Tatarische Redaktion: http://www.azatliq.org/
Als Artikel erschienen in Altabash, Nr. 5/32 (Mai 2007), S. 23-26.