Im April hatte ich die Gelegenheit – leider meißt bei Regen und Schnee – das Venedig des Nordens kenne zu lernen. Die Heinrich-Böll-Stiftung Berlin/Moskau, die Gesellschaft „MEMORIAL“ und das Institut für unabhängige Sozialforschung Sankt Petersburg führten ein Symposium durch, auf dem Wissenschaftler sich soziologisch und historisch mit der Geschichte des Vielvölkerstaates Russland auseinandersetzten. Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass auch ich als Turkologe mit solcher Vehemenz auf tataro-türkische Geschichte und Gegenwart Sankt Petersburgs treffen würde, gilt Sankt Petersburg doch als Inbegriff und Anfang des Aufstiegs Russlands zur Weltmacht.
Doch schon bei der Ankunft war eine Auseinandersetzung mit tatarischer Geschichte der Stadt unausweichlich: Bei dem fürstlichen Abendessen am ersten Abend im Hotel „Krestovskii Ostrov“ bediente uns eine außergewöhnlich anmutige Schönheit, die im Laufe des Abends verriet, dass sie Krimtatarin sei. Oksana´s Familie stamme wie einige hundert andere im Raum Sankt Petersburg aus der Ukraine und lebe hier schon einige Generationen. Welch ein warmes Willkommen für mich Turkologen!
Wie mir in dieser Woche klar werden sollte widerspiegelten nicht nur die TeilnehmerInnen des Symposiums die ethnische und kulturelle Vielfalt der Rußländischen Föderation, sondern auch die Bewohner der Stadt selbst sind Zeugnis der multikulturellen Geschichte Sankt Petersburgs. Während auf dem wissenschaftlichen Treffen vor allem die jüngere Geschichte und aktuelle sozio-politische Probleme behandelt wurden, traf ich überall in der Stadt auf alte turko-tatarische Geschichte. Hier möchte ich zur Illustration einige Beiträge der TeilnehmerInnen des Symposiums erwähnen: Die Tatarin Aida Nurutdinowa (Kasan) referierte über die „Verwirklichung und Verletzung von Wahlrechten in Russland im elektoralen Media-Diskurs (am Beispiel einer Diskursanalyse von Informationsprogrammen im Fernsehen)“; Nikolaj Chajbulajew (Uchta) über die „Rechtliche Lage von Terroropfern in Russland“; die Wolgadeutsche Tatjana Rik (Moskau) sprach über „Zivilgesellschaft in Russland gegen Folter und Gewalt in der Tschetschenischen Republik: Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als eine Möglichkeit zur Lösung des Problems die Rechte der Bürger zu schützen“; Nikolaj Karbainow (Ulan-Ude) über „’Zachalowki’ in Ulan-Ude: soziale Probleme der Adaption dörflicher Migranten in die Stadt“; der Jakute Semjon Grigorjew (Jakutsk) über „Zwangsumsiedler im Kreis Ust-Jansk in Jakutien“. Nicht nur die Referate waren spannend wie etwa „Nationalitätenpolitik auf kommunaler Ebene: Institute, Praxis, Diskurs. Am Beispiel des modernen Irkutsk“ von Irina Abdulowa (Irkutsk), sondern auch die persönlichen Lebensgeschichten. So hat die bekennende Sibiryatshka Irina tatarische und aserbaidschanische Vorfahren, während Nikolaj aus Uchta kirgisische Ahnen hat. Meine Namensvetterin Tatjana erführ so erstmals von de Bedeutung ihres Nachnamens[1].
Ich selbst hatte Referate zur „Lingualen, humanitären, politischen und sozio-ökonomischen Situation der Krimtataren nach der Rückkehr aus der Deportation“ sowie zur „Intraethnischen religiösen, migrationsgeschichtlichen und politischen Differenzierung der Kurden in der GUS“ vorbereitet.
Neben dem wissenschaftlichen Programm hatten wir nur eine knapp bemessene Zeit für die Erkundung der Stadt zur Verfügung. Doch was ich sehen und erleben konnte, war überraschend und interessant für mich und – wie ich hoffe – auch für die werten Leser der AlTaBash.
Als erstes besuchte ich die Eremitage und die große Moschee in der Nähe der Peter-Pauls-Festung[2]. Die Hauptmoschee der Muslime der Region Nordwest der Rußländischen Föderation wurde schon 1910 erbaut und ist auch Sitz des Muftis Jafyar Nasibullovič Pončayev, der dem Muftiyat der Region Nordwest/Sankt Petersburg vorsteht. In der Moschee sprach ich mit Tschetschenen, Tadschiken, Afghanen und Tataren über ihr Leben in Sankt Petersburg. Muslime mit gänzlich verschiedenen Migrationsgeschichten treffen sich zum Gebet und zu kulturellen Veranstaltungen in dem Komplex an der ul. Gorkovskaya. Der Imam Hüseyin ağa, ein Türke aus der Türkei und der Geschäftsführer der Gemeinde Latifullah Babai bey, wie der Mufti ein Kazan-Tatare, erzählten mir von der tatarischen Geschichte Sankt Petersburgs und machten mich auf verschiedene Publikationen aufmerksam. In Sankt Petersburg leben ungefähr 100.000 Tataren. Viele von ihnen schon seit Generationen, ja sogar die Gründung Sankt Peterburgs wäre ohne die Tataren wohl viel schwieriger verlaufen. Auf Geheiß Peter des Ersten kamen ab 1703 neben russischen auch hunderte tatarische Handwerker und Arbeiter, die die Fundamente der Stadt legten, die ersten Flächen urbar machten und Gebäude errichteten. In der ersten Zeit starben tausende aufgrund der extremen Boden- und Witterungsbedingungen. Bei der Volkszählung von 1900 wurden 8.000 Muslime gezählt. Je nach Herkunft siedelten sich Tataren und Baschkiren aus Kazimov, Ufa, Astrachan, Samara, Saratov, Orenburg, Sibir und Tobolsk in eigenen Vierteln an. Im Journal „Sowjetische Ethnografie“ gibt die Autorin G.V. Starovoytova folgende Bevölkerungsstatistik: Mitte des 19. Jh. lebten in Sankt Petersburg 27,2 Prozent Kazantataren, Mischär-Tataren 30,6 Prozent, Kazimov-Tataren 3,6 Prozent. Der Rest verteilte sich auf alle anderen Herkunftsgebiete. Dies war die feste Wohnbevölkerung, die zahlreichen tatarischen Angehörigen von Militär und Flotte wurden gesondert gezählt. Heute wird ihre Zahl auf 500.000 geschätzt. Genaue Zahlen sind nicht eruierbar, da das Propiska-System und illegale Migration exakte Erhebungen unmöglich machen. Einen guten Überblick über das tatarische Sankt Peterburg gibt das 2003 erschienene Buch „Die tatarische Gemeinschaft von Sankt Petersburg – Zum 300-jährigen Bestehen der Stadt“. Es wurde von dem Philologen Raxim Telyashov mit Unterstützung von tatarischen Geschäftsleuten der Stadt herausgegeben und beinhaltet Kapitel über die Geschichte der Gemeinde, über Tataren in der zaristischen Flotte, ihren Beitrag bei der Verteidigung Leningrads, über Sankt Petersburg als tatarische Kulturhauptstadt und weitere sehr interessante Kapitel. Auch für die krimtatarische Geschichtsschreibung sind einige Kapitel des Buches relevant. Mir war bisher nicht bekannt, dass Krimtataren, Kazantataren und Baschkiren in der zaristischen Armee ganze Eskadronen gestellt haben.
Rinat Piterskii, der Redakteur von NUR (Licht), der Zeitschrift des Muftiyats der Muslime Sankt Peterburgs[3] und der Region Nordwest der Russländischen Föderation ist gleichzeitig Redakteur der Internetseite der Petersburger Tataren (www.tatarlar.spb.ru), Buchverkäufer und Informationsbörse. Ihm möchte ich hier für Informationen und das Buchgeschenk danken, welches er mir am letzten sonnigen Tag unseres Aufenthaltes übergab.
Das letzte Buchprojekt der Tataren Petersburgs war ein historischer Überblick über die Aktivitäten von Partisanen im II. Weltkrieg. Berichtet wird darin von Tschuwaschen, Tataren, Baschkiren, Udmurten und Mordwiniern, die in Weißrußland hinter den feindlichen Linien kämpften. Leider konnte ich das Buch in der Kürze der Zeit nicht mehr besorgen, hoffe es aber in einer der nächsten Ausgaben der AlTaBash vorstellen zu können[4].
Bei den Fahrten mit der Metro sprang mir immer wieder Werbung ins Auge, die die türkischen Einflüsse auf die Sprachen im russischen Reich widerspiegeln. Eine Werbung einer Bank fragte “Управять деньгами не вставая с дивана?“ (Soll Ihr Geld arbeiten, während Sie den Diwan nicht verlassen?). Wohl kaum noch jemandem ist bewusst, dass Diwan ein originär persisches Wort ist und wahrscheinlich über das Krimtatarische in die Russische Sprache Einzug hielt[5]. Und auch in der allgegenwärtigen Werbung für das Magazin „Heimischer Herd“ (ДомашнийОчаг) ist zu sehen, wie ein Wort aus den turko-tatarischen Sprachen ins Russische gewandert ist – bei gleich lautender Semantik.
Während eines Stadtspazierganges nach dem Moschee-Besuch kam ich an etlichen Orten vorbei, die ebenfalls an türkische und tatarische Geschichte erinnern. Vorbei an der „Tatarischen Gasse“ (Татарский перeулок) kommt man zum Restaurant „Osman Khan“[6]. Die Tatarische Gasse weißt auf die erste tatarische Besiedlung der Gegend um Kronwerk hin. Der Hannoveraner Gesandte am Hof Peter I., H.F. Weber, schreibt in seinem 1721 in Frankfurt a.M. veröffentlichten Buch „Das veränderte Russland“, dass in dieser Gegend der erste tatarische Basar entstand und die ersten tatarischen Viertel, teils noch aus Jurten bestehend, gegründet wurden. Auch Türken und Kalmüken hätten damals schon dort gewohnt.
Bei einem stärkenden Adana-Kebab und türkischem Tee im „Osman Khan“ kam ich kurz ins Gespräch mit dem Inhaber Gökhan Bozay. Er ist Türke aus der Türkei, lernte seine tatarische Frau in Sankt Petersburg kennen und gründete das Restaurant. Ungefähr 6.000 Türken arbeiten in der Stadt, der Bauboom der letzten Jahre machte es möglich. Einige Türken schlugen Wurzeln und blieben. Nun sind sie bereits so zahlreich, dass in Kürze ein eigener Verein der Petersburger Türken gegründet werden wird.
Auf dem Weg zur „Gesellschaft für die Wiedergeburt des Islams, der islamischen Kultur und muslimischen Tradition in Sankt Petersburg“[7] kommt man vorbei an einem renommierten tatarischen Restaurant[8] und an der Dschabul-Gasse, benannt nach dem kasachischen Aşık Shambil Shabayev, der im II. Weltkrieg während der 900-Tage-Belagerung der Stadt der Bevölkerung mit seiner Kunst Hoffnung gab.
Alle tatarischen Institutionen zu besuchen, blieb mir ebenfalls zu meinem Bedauern keine Zeit. Je mehr ich las und sah, desto mehr nächste Möglichkeiten eröffneten sich. So zum Beispiel das krimtatarische Restaurant „Beloe Solnze“ oder den Verlag „Dilya“[9]. Am letzten Tag entdeckte ich, dass der Klub „Olymp“, in dem die Petersburger Gesellschaft „Tatarstan“ Tanzabende, Diskotheken, Wettbewerbe und Konzerte veranstaltet, ganz in der Nähe unseres Hotels lag[10]. Viele Tataren der Stadt beteiligten sich gerade an den Vorbereitungen für das Sabantuy-Fest. Für die Organisation des Festes wurde die „Stiftung für die Durchführung der kulturellen Veranstaltung Sabantuy Sankt Petersburg[11]“ gegründet. Die vergangenen Feste kann man auf ihrer Homepage nachverfolgen.
Am letzten Abend hatten wir noch die Gelegenheit mit Freunden aus Astrachan, Burjatien und Aserbaidschan zu einem fantastischen Konzert gehen zu können. Die Band „Markscheiderkunst“, die seit langem meine russischen Favoriten sind, spielten im legendären Petersburger Klub „Orlandina“! Nach Tanz und Gesang, einer anstrengenden Woche und mit vielen neuen Kontakten im Gepäck verabschiedete ich mich am Samstag Morgen von Oksana, die die Hotelgäste allein mit ihrer Anwesenheit eine Woche verzauberte.
Sağlıqnen kal ve körüşkence Sankt Peterburg!

Quellen:
Aminov, D.A.: Tatary v Sankt Peterburge. Istoriya mečeti i musul´man goroda Sankt Peterburg: o.A., 1994.
Starovoitova, G.V.: O formirovanii tatarskoietnodispersnoi gruppy v haselenii Peterburga-Leningrada in: Sovetskaya etnografiya” Nr. 1, 1980.
[1] Riecke < rieck = reich; von germanisch rihhi (Herrscher, reich)
[2] Кронверкский проспект 7, Nähe Metro Gorkovskaya.
[3] Teile der Ausgaben von 2003 sind unter www.sabantuy.ru einzusehen. Adresse der Red.: 197046 SPb, Кронверкский проспект 7, Tel.: 233-98-19.
[4] Yanguzov, Zakir Šarifovič.: Volžan v partizanskom dviženii v Belorussii (iyun 1941-iyul 1944), SPburg, 2005.
[5] pers.: dēvān > dīvān; alte Bedeutung: schreiben; ab 18.Jh.. auch im Deutschen bezeugt.
[6] Кронверкский проспект 69
[7] Набережнаяреки Фонтанки 78
[8] Семёновская пл.; Ecke Бородинская / н.р. Фонтанки
[9] ООО Фирма «Диля»; СПб: м. Балтийская; Митрофаньевское шоссе д.18 литер „Ж“; (812) 378-39-29 Будни с 09- до 18-00; e-mail: spb@dilya.ru
[10] Кафе „Олимп“, пр. Динамо у метро „Крестовский остров“; Стадион Динамо, дом 44.
[11] Фонд „ПЕТЕРБУРГСКИЙ САБАНТУЙ“ СПб, ул. Ломоносова, д. 20, офис 3.; тел: 8(812) 571-07-54; факс: 8(812) 571-64-67; e-mail: sabantuy@sp.ru ; http://www.sabantuy.ru
Als Artikel erschienen in Altabash, Nr. 7 / 22 (Julei 2006), S. 13-16. Unter: altabash.tk