Zur Situation der kurdischen Diaspora in Ungarn
Sidar ist bedrückt. Er kommt gerade von einem Termin mit seinem Anwalt: In drei Tagen muß er Ungarn verlassen, sein Touristenvisum läuft aus und seine Anträge auf Asyl wurden abgelehnt. So wie ihm geht es jährlich Hunderten von Kurden aus allen Teilen Kurdistans, die teils illegal, teils per Touristenvisum nach Ungarn einreisen.
Manche gehen nach Beendigung ihrer Aufenthaltserlaubnis zurück oder ziehen weiter Richtung Deutschland, Skandinavien, England oder Österreich. Nur wenige bleiben – können bleiben.
Doch Sidar wollte bleiben. Nach sieben Jahren Haft, Folter und Flucht aus der Türkei wähnte er sich in Griechenland sicher. Doch Griechenland schiebt kurdische Flüchtlinge ab, zurück in die Folterrepublik, denn mit der Türkei wurde vor zwei Jahren ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet. Also ging er nach Ungarn. Sidar hofft, mit Hilfe von Rechtsanwälten zurückkehren zu können, denn die kurdische Gemeinde in Budapest hat ihn warm aufgenommen und er hat sich durch emsige politische und kulturelle Tätigkeit in sie eingebracht. Er hatte sich eingewöhnt, kennt sich nun aus und könnte anderen weiterhelfen.
Denn so klein die kurdische Diaspora in Ungarn auch ist, so aktiv und lebendig ist ihr Gemeindeleben.
Kurzer Rückblick
Den ersten Kontakt von Ungarn und Kurden gab es auf diplomatischer Ebene im Jahre 1925. Der ungarische Diplomat und Gelehrte für Geographie Graf Pál Teleki bereiste mit zwei Kollegen im Auftrag des Völkerbundes Kurdistan mit dem Auftrag, Informationen zusammen zu stellen, die Entscheidungen bezüglich der festzulegenden Grenze zwischen der neu gegründeten Türkei und dem „Königreich“ Irak untermauern könnten. Diese Frage war auf die diplomatische Tagesordnung gekommen, weil sich nach den kemalistischen Feldzügen gegen die Alliierten, der Proklamierung der Republik Türkei durch Mustafa Kemal, genannt Atatürk, und dem Aushebeln des Vertrages von Sèvres durch die Konferenz in Lausanne die Frage für die Kolonialmächte Groß Britannien, Italien und Frankreich neu stellte. Graf Pál Teleki, konservativer Ex-Premierminister Ungarns und Wissenschaftler, kam während dieser Forschungsreise unter anderem zu dem Schluß: „Die Kurden sind weder Araber, Türken noch Perser […] sie sind klar unterscheidbar, immer noch separat und unterscheidbar von den Arabern […]“[1]. Er folgerte daraus, dass die Zusagen von Sèvres, die den Kurden nach einer Volksabstimmung eigene `Staatlichkeit` – freilich von Gnaden der Imperialmächte – versprachen, weiter gelten müssten: „Wenn allein nur das ethnische Argument ins Feld geführt wird, müsste die notwendige Schlussfolgerung sein, dass ein unabhängiger kurdischer Staat geschaffen werden muß, denn die Kurden stellen fünf Achtel der Bevölkerung. Mehr noch, zieht man die Yezidi, die rassisch echte Kurden sind, sowie die dortigen Türken, die sicher noch kurdisiert werden könnten mit ein, käme man auf den kurdischen Anteil von sieben Zehntel der Bevölkerung…“, so Graf Teleki. Das ein Ungar einer der wenigen Fürsprecher der Kurden war, ist auch den heutigen Kurden in Ungarn bewusst.
Die Präsenz von Kurden in Ungarn geht bis an den Anfang der 70er Jahre zurück. Damals kamen aus dem befreundeten „sozialistischen“ Syrien kurdische Jugendliche zum Studium nach Ungarn und erste Arbeitsemigranten aus der Türkei kamen ins Land – unter ihnen auch Kurden. Die meißten Kurden aus Syrien studierten technische Fächer und Medizin. Einige heirateten und blieben, heute praktizieren etwa 15 kurdische Ärzte in Budapest, darunter hervorragende Chirurgen. Die Kurden aus der Türkei, die schon lange in Ungarn leben, sind mehrheitlich in der Textilbranche tätig. Die `Neueren` dagegen sind in der Gastronomie beschäftigt und verkaufen den auch hier geliebten Döner, nur das der ironischerweise in Ungarn durchweg Gyros heißt.
Das Zusammenkommen der Kurden der ersten Generation mit den kurdischen Flüchtlingen und Neubürgern der 1990er Jahre gestaltete sich anfangs schwierig, denn deren Kinder und Enkel sind ungarische Staatsbürger, voll integriert und sprechen kaum noch kurdisch. Durch Integrations- und Informationsarbeit des Vereins, der von Flüchtlingen gegründet wurde, näherte man sich an und seit zwei drei Jahren arbeiten alteingesessene und ´neue´ Kurden zusammen.
Das kurdische Leben heute
Anders als in den westeuropäischen EU-Ländern hält sich die Stärke der türkischen und kurdischen Community hier die Waage, freilich auf niedrigem Niveau. Offizielle Statistiken gibt es nicht, da viele Kurden und Türken, die schon lang da sind, die ungarische Staatsbürgerschaft besitzen. Laut Angaben des Magyarorsz Kurdisztani Információs és Kulturális Egyesület /Ungarischer Kurdistan Informations- und Kulturverein leben bis zu 450 Kurden allein in Budapest, von denen am Vereinsleben ca. 150 teilnehmen. Bei Veranstaltungen des Vereins, der sich mit dem Kurdistan Kultur- und Informationsbüro (Kurdisztani Információs és Kulturális Iroda) die Räumlichkeiten in Budapests Innenstadt teilt, kommen jedoch alle Kurden Budapests und teilweise aus anderen Städten Ungarns. Deshalb müssen für das alljährliche Newrozfest im März, dem traditionellen Friedens- und Freiheitsfest im August. Für Konzerte im November und Januar größere Säle angemietet werden. Da es keine kurdischen Heiratssalons gibt wie in Deutschland oder der Schweiz, werden ungarische Musikhäuser gemietet, wie etwa das ehrwürdige Ferencvárosi Művelődési Központ, eines der beliebtesten Kulturzentren der Stadt. Zu den Veranstaltungen kommen immer auch Abgeordnete der Nationalversammlung (Országgyülés) von der zur Zeit mitregierenden MSZP (Sozialistische Partei Ungarns). Auch Staatssekretäre, die Vorsitzenden befreundeter Organisationen wie der kommunistischen Jugendbewegung, dem sozialistischen Jugendblock, der Feministischen Union, von Menschenrechtsvereinen sowie Regierungspolitiker lassen sich regelmäßig blicken. Bilder von Abdullah Öçalan und kurdische Fahnen und Symbole werden auf Demonstrationen der Kurden nicht beschlagnahmt wie in der BRD, sondern hängen selbst in den Parteizentralen und Büros der befreundeten Parteien. Warum das so ist, wollte ich wissen: „Das Verhältnis der Ungarn zu den Kurden ist traditionell gut und offen, da die meißten von ihnen als Flüchtlinge aus der Türkei kamen und auch die Ungarn unter den Türken lange zu leiden hatten“ erklärt man mir diesen Umstand, Bezug nehmend auf die über 160jährige osmanische Besetzung von Teilen Ungarns im 16. und 17. Jahrhundert. Im Bewusstsein der Ungarn wirke dies noch nach. Auch im heutigen Budapest erinnern noch alte Dampfbäder, Mausoleen oder Straßen wie die Török utca / Türkenstrasse, Mecset utca / Moscheestrasse u.a. an die Türkenzeit.
Dem guten Verhältnis zwischen Kurden und Ungarn und der emsigen Tätigkeit des Büros ist es wohl zu verdanken, dass seit vier Monaten eine neue Aufgabe die Mitarbeiter in Anspruch nimmt: Sie machen im Auftrag der Ausländerbehörde Budapests die `Aufnahmetests` für kurdische Asylbewerber. Nur wer nach einem Sprachtest und längerem Gespräch ein Positiv-Zertifikat des Büros erhält, wird als Kurde von der Behörde anerkannt. Da viele Türken sich in den letzten Jahren als Kurden ausgaben, um einen Aufenthaltstitel zu erlangen, schloss die Behörde einen Kooperationsvertrag mit dem Büro. Doch auch viele `zertifizierte` Kurden dürfen nach dem Durchlaufen der Anerkennungsprozedur nicht bleiben. Die Quote ist ähnlich niedrig wie im übrigen Europa.
Umsteigebahnhof Ungarn
Diesem Umstand und dem, dass die kurdische Diaspora im Westen und Norden zahlenmäßig stärker ist, ist es geschuldet, dass viele Kurden Budapest und Györ als Zwischenstop benutzen, sich von Strapazen der Flucht erholen und dann nach Skandinavien, Richtung Westen oder nach Deutschland weiterziehen – legal oder illegal. Bei den kurdischen Ärzten in Budapest lassen sich auch Verletzte der Befreiungsbewegung sowie Kriegsopfer aus allen Teilen Kurdistans operieren und behandeln, bevor sie zurückkehren oder einen sicheren Aufenthalt in einem anderen Land zu finden versuchen.
Von den Kurden der Stadt leben zwei Drittel ´auf Durchreise`, etwa 50-60 haben die ungarische Staatsbürgerschaft und ca. 110 eine ständige Aufenthaltserlaubnis. Die, die bleiben dürfen, können sich uneingeschränkt politisch betätigen. Nicht ohne Stolz berichteten die Mitarbeiter des Kurdistanbüros von der guten Zusammenarbeit mit Behörden und Parteien. Bei der geringen kurdischen Wohnbevölkerung war es zum Beispiel ein großer Erfolg, dass bei der Kampagne „Auch ich bin ein PKKler“ 270 Selbstanzeigen im Ministerium des Innern abgegeben werden konnten und die Kampagne breite Unterstützung bei ungarischen NGO´s erhielt.
Auch eingebürgerte Intellektuelle wie Dr. Farhad Karim und Dr. Moustafa Mousa sind weiter aktiv für die Belange der Kurden im Nahen Osten. So waren sie an der Konferenz zum Recht auf Muttersprache in Budapest beteiligt, brachten zusammen mit dem YXK[2] Petitionen gegen den türkischen Einmarsch während des letzten Irakkrieges heraus, initiieren Aufklärungskampagnen gegen türkische Kriegspropaganda oder kümmern sich zusammen mit dem Kurdistanbüro um Kontaktvermittlung zwischen `einheimischen` Kurden und Neuankömmlingen.
Der nächste kulturelle Höhepunkt wird ein Kurdistan Film Festival sein, das in Zusammenarbeit mit der Föderation der kurdischen Vereine Österreichs in Budapest und Györ veranstaltet werden wird.
Vielleicht kann auch Sidar daran teilnehmen, die ungarischen Behörden hatten ihm nicht mitgeteilt, dass er in ein Drittland hätte ausreisen können, Ungarn gehört ja jetzt zur EU. Ob dieses Behördenfehlers hofft er zurückkehren zu können. Darauf setzt er seine Hoffnungen…

Weitere Quellen:
Mousa, Moustafa: Történelmi kurdkérdés in: 168 óra (Wochenzeitung), Budapest, 19.08.1999, S. 47.
Tilkovszky, Loránt: Pál Teleki (1879-1941). A biographical sketch in: Studia Historica Academiae Sciientiarum Hungaricae, 86, übers. v. D. Székely. Budapest: Akadémiai, 1974.